Ausgaben 2013

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TextArt 02/2013

Leseprobe:

Geistesblitze am laufenden Band

Wie Sie Ideen zum Schreiben finden (1)

Von Oliver Buslau

Ideen sind flüchtige Gebilde. Sie kommen, wie und wann sie wollen. Manchmal bleiben sie eine ganze Weile, doch sehr oft verschwinden sie auch schnell wieder, wenn man sie nicht festgehalten, also nicht aufgeschrieben hat. Und wenn sie auftauchen, geschieht das meist unverhofft und in Situationen, die mit der Idee selbst scheinbar gar nichts zu tun haben. Umso größer sind die Mysterien ihrer Herkunft: Wieso, so fragt man sich, fällt einem zum Beispiel ausgerechnet unter der Dusche, wenn gerade nichts zum Schreiben in der Nähe ist, die lange gesuchte Idee zur originellen Auflösung einer Geschichte ein? So seltsam das alles erscheinen mag: Es gibt Möglichkeiten, Ideen anzulocken, sie sogar bewusst herbeizuführen. Oliver Buslau zeigt, wie es geht.

Entschuldigung, können Sie mir mal bitte helfen? Ja, Sie. Ich habe ein Problem. Ich brauche dringend eine Idee für eine Kurzgeschichte. Oder vielleicht sogar für etwas Längeres. Und mir fällt leider gar nichts ein. Jetzt schaue ich schon eine Stunde aus dem Fenster, aber es kommt … nichts. Das heißt, so ein klein wenig habe mir schon ausgedacht. Schauen Sie mal durchs Fenster. Dahinten, zwischen den Häuserblöcken liegt ein Schrebergarten. Er wirkt fast ein bisschen verträumt. Da hat sich wohl jemand ein Refugium geschaffen. Dort könnte doch meine Kurzgeschichte spielen. Das ist es nun aber auch schon. Weiter bin ich nicht gekommen. Und da dachte ich, dass Sie … Ach, Ihnen fällt auch nichts ein? Schade …

Ich denke, diese Situation ist nicht neu für Sie. So oder ähnlich geht’s jedem, der schreibt. Sogar den Profis. Gibt es Wege, die aus dieser scheinbaren Sackgasse hinausführen?
Die gibt es! Versuchen wir einmal, den Mechanismen der Ideenfindung auf die Spur zu kommen. Ja – es sind Mechanismen. Auch wenn viele, die die Kreativität als etwas völlig Untechnisches betrachten, mit diesem Wort in diesem Zusammenhang vielleicht nicht einverstanden sind. Es gibt bestimmte Abläufe beim Ideenfinden, die immer gleich sind.

Eines der berühmtesten Beispiele für eine Ideenfindung ist die Legende von dem antiken Physiker Archimedes. Er hatte den Auftrag, für den König den Goldgehalt einer Krone zu ermitteln. Die Aufgabe war schwer zu lösen: Schließlich war das Material des königlichen Kopfschmucks ja schon zu einer Gesamtmasse verschmolzen worden, und chemische Analysemethoden hatte Archimedes wohl nicht zur Verfügung. Der Physiker wird in der Studierstube lange gegrübelt haben, wie er hinter den Goldgehalt kommen konnte. Ich weiß nicht, welche Gedanken er dabei hatte. Aber die entscheidende Idee kam ihm gar nicht am Arbeitsplatz, sondern beim Baden: Als Archimedes in die Wanne stieg, beobachtete er, wie sein Körper das Wasser verdrängte. Der Wasserspiegel stieg, die Wanne lief über. Und so wurde Archimedes schlagartig klar, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Volumen seines Körpers und der Menge des verdrängten Wassers gab. Sein Geist übertrug dieses Phänomen innerhalb kürzester Zeit auf die zu lösende Aufgabe. Und da wurde ihm klar: Wenn eine bestimmte Menge Gold eine bestimmte Menge Wasser verdrängt, dieselbe Menge von anderem Metall oder eines anderen Stoffes eine andere, konnte er einen Vergleich anstellen. Er brauchte nur einen Goldbarren herzustellen, der dasselbe Gewicht der Krone besaß, Krone und Barren dann abwechselnd in Wasser zu tauchen und nachzuprüfen, ob die Menge des verdrängten Wassers bei beiden Tauchvorgängen identisch war. Um das Ergebnis vorwegzunehmen: Sie war es nicht. Der Goldschmied war ein Betrüger. Archimedes aber soll, als ihm die Erkenntnis kam, wie er den Auftrag erfüllen konnte, aufgesprungen und nackt durch die Straßen gelaufen sein, wobei er immer wieder rief: „Heureka“ – was auf Deutsch „Ich hab’s gefunden“ heißt. Seitdem bringen wir Archimedes mit diesem berühmten Ausspruch in Verbindung.

Uns interessiert hier nicht so sehr die physikalische Seite dieser Geschichte. Wir wollen wissen, wie der Ablauf der Ideenfindung vor sich ging. Und wir halten fest: Die Idee kam an ungewohntem Ort. Archimedes verband, um auf die Idee zu kommen, zwei Dinge, die scheinbar gar nichts miteinander zu tun haben: Krone/Gold auf der einen Seite. Wasser/Körperverdrängung auf der anderen. Heureka! Wir haben etwas über die Entstehung von Ideen gelernt:
Ideen kommen nicht von selbst, sondern es gibt einen vorgegebenen Beginn, von dem aus man weiterarbeitet. Eine Aufgabe oder einen Ansatz. Hat man diesen Beginn, diesen ersten Punkt nicht, dann muss man ihn sich schaffen.
Ideen entstehen, indem sich Dinge, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben, in einem höheren Sinne verbinden.

Die Ideensuche sollte mit normalen Methoden begonnen worden sein. Soll heißen: Hätte Archimedes nicht in der Studierstube gegrübelt, bevor er das Bad nahm, hätte er später die Zusammenhänge beim Baden nicht erkannt. Nach der Grübelphase sollte man sich die Chance für eine Veränderung geben. Man sollte die Arbeitsatmosphäre verlassen und darauf vertrauen, dass der Geist unbewusst weiterarbeitet. Man sollte zum Beispiel baden.
Und schließlich: Archimedes, davon gehe ich jetzt mal aus, hat garantiert nicht daran gezweifelt, dass es einen Weg zur Lösung des Problems gibt. Dass die Idee also schon existiert. Dass man nur auf sie kommen muss. Dass man einfach davon ausgeht, dass man sie findet.

Den vollständigen Praxis-Artikel von Oliver Buslau können Sie in der neuen Ausgabe 2-2013 von TextArt lesen.

 

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