Ausgaben 2012

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TextArt 04/2012

Leseprobe:

Ist das Lyrik oder kann das weg?

Gedanken und Anregungen zum Lyrikschreiben

Von Petra Christine Schiefer

Lyrik ist vor allem eines: vielfältig. Doch angesichts der Fülle lyrischer Formen und Ausdrucksweisen werden auch Ratlosigkeit und viele Fragen laut. Unsere Autorin Petra Christine Schiefer nutzt ihre eigenen Erfahrungen, um ein wenig praktische Orientierung zu geben.

Was ist (moderne) Lyrik?
Ist das überhaupt Lyrik?
Wieso ist das Lyrik?
Wie geht das?
Und überhaupt … wozu?

Fragen über Fragen, die vielleicht nicht die Menschheit bewegen, aber doch zumindest denjenigen umtreiben, den ein „je ne sais quoi“ dazu bringt, Innerstes (sprachlich) nach außen zu kehren. Ich werde die Antworten natürlich schuldig bleiben müssen. Also auch die Antwort auf das, was ich einmal in heiterer, fast kalauernder Manier so formuliert habe:

poetologisches

was macht ein gedicht
überhaupt zum gedicht?
denn reimen tut sich’s meist nicht
was macht das gedicht für’n gesicht?
löst es sein versprechen ein
sobald sich zeilen brechen – oder nein?

Die Fragen stehen, Antworten oder Versuche, solche zu geben, gibt es ohne Zahl und Größere haben sich (mit mehr oder weniger Erfolg) daran versucht.

Lyrik und Prosa

Dichtung ist geformte Sprache – in dieser Hinsicht scheint eine Art Konsens zu bestehen. Welcher Art diese Formung ist, wie streng die verwendeten Formen sein müssen oder eben wie frei sie sein dürfen, daran scheiden sich die Geister. Dass ein Text nicht dann ein Gedicht ist, wenn er „sich hinten reimt“, hat sich herumgesprochen (und nicht erst seit gestern). Freie Formen ohne Reimschema und Versmaß gibt es seit Goethe.
Doch tatsächlich erregt eine manchmal etwas altväterlich anmutende Lyrik-Diskussion auch heute noch die Gemüter, so wenn das Grass-Gedicht (er hat es ausdrücklich so genannt) „Was gesagt werden muss“ nicht nur aufgrund seiner Israel-Kritik in die Schusslinie breiter öffentlicher Diskussion gerät, sondern auch aufgrund seiner angeblichen poetischen Ärmlichkeit und der Schwierigkeit der Lyrik-/Prosa-Unterscheidung. Absichtliche und gezielt vorgenommene Vers-Schaffung durch gesetzte Zeilenbrüche ist manchem literaturkritischen Geist nicht poetisch genug und mag wie eine bloße Lyrik-Behauptung erscheinen. Ohne Zeilenbrechungen klingt es vielleicht tatsächlich eher wie ein Prosatext:
„Warum schweige ich, verschweige zu lange, was offensichtlich ist und in Planspielen geübt wurde, an deren Ende als Überlebende wir allenfalls Fußnoten sind.“ (Günter Grass, Beginn des Gedichts „Was gesagt werden muss“). Begriffe wie „Prosagedicht, „Reimprosa“ oder auch einmal „Antigedicht“ werden herangezogen, um die Sache in den Griff zu bekommen. Wenn du Freude an solchen Spielereien hast, lieber Leser, dann nimm einmal die Zeilenbrüche weg und du bekommst vielleicht einen Prosatext (den du dann gern als „lyrische Prosa“ bezeichnen magst).

Groß und klein

Und dann ist da noch die (oft fruchtlose) Diskussion über Groß-/Kleinschreibung in moderner Lyrik, die z. B. in Schreiberforen im Web mit einer Vehemenz geführt wird, die bei einigen Diskussionsteilnehmern, die sich zum Verteidiger, wenn nicht Retter der deutschen Sprache aufwerfen, etwas Messianisches und damit auch unfreiwillig Komisches haben kann. Dem Kleinschreiber wird gern bloße Manieriertheit und modisches Getue unterstellt oder sogar die Verschleierung mangelnder grammatischer Kompetenz.
Lyrisches Schreiben ist eine Kunstform. Für mich ist freie, moderne Lyrik vergleichbar mit dem Abstrakten in der bildenden Kunst und die Forderung, im Gedicht Substantive großzuschreiben und Satzzeichen korrekt zu setzen, empfinde ich manchmal wie die Forderung an den Maler, doch möglichst nur „nach der Natur“ zu malen, weil allein sie die „Regeln des Schauens“ setze – aber das haben wir glücklicherweise lange hinter uns.
Die von vielen modernen Poeten verwendete Kleinschreibung im Gedicht (und das auch und gerade bei Autoren, die die Regeln durchaus beherrschen) ist ein bewusst eingesetztes Gestaltungsmittel, das althergebrachte Formen wie Reim oder Versmaß ersetzen kann, und entspricht allein dem Kunstwillen des Dichters. Nicht mehr und nicht weniger. Man muss diese Form nicht mögen, aber reflexartig vor ihr die Augen verschließen, weil sie eben nicht den „Regeln“ der deutschen Sprache entspreche, halte ich für ein wenig ... eng.
Der geneigte Leser wird es vermuten: Als Lyrikerin bin ich „kleinschreiberin“ (geworden, es war ein Weg bis dorthin). Erschwerend dazu „zeichenweglasserin“ (was ich im sonstigen Leben übrigens nicht einmal in meinen E-Mails tue). Über die obigen eher allgemeinen Bemerkungen zum Thema hinaus, versuche ich es aus persönlicher Sicht noch ein wenig weiter zu vertiefen:
Ich empfinde ein konsequent kleingeschriebenes Gedicht schon rein optisch als besonders klar, frei, rein. Weglassen von Versalien und Satzzeichen ist eine Form von Ent-Strukturierung (und das widerspricht nicht seiner Einordnung als Gestaltungsmittel) und damit eine Art Befreiung. Die Freiheit von Komma und Punkt lässt den Text besser fließen. Es macht ihn offener, nimmt den Leser etwas weniger an die Hand, sagt ihm „Schau selbst“ (auch wenn nicht jeder Leser dieses Risiko eingehen mag), entscheide bei Zweideutigkeiten – so wenn die fehlende Großschreibung nicht mehr anzeigt, ob das fragliche Wort nun vielleicht doch ein Substantiv ist – oder lebe mit dem Doppelsinn. Der Doppelsinn ist mir Bereicherung, im besten Fall zusätzliche Bedeutungsebene. Ein kleines Beispiel mag mein kurzes Gedicht „weg“ sein:

weg

verklungener ton
verlöschtes licht
verblichene pracht
verlorene unschuld
verblasste erinnerung

vorbei ist vorbei

Den gesamten Text können Sie in TextArt Ausgabe 4-2012 lesen …

 

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