Ausgaben 2012

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TextArt 03/2012

Leseprobe:

Von Akquise bis Zugabe

Die Autorenlesung

Von: Elke Pistor

Die Lederjacke knarzt in die andächtige Stille. Mit fahrigen Händen rückt der Herr hinter dem Pult erst Bücherstapel, dann seine graue Haarmähne von rechts nach links und wieder zurück. Es hüstelt im Auditorium. Die Jacke knarzt erneut wie zur Antwort und der Blick folgt dem Geräusch ins unendliche Dasein. Hüsteln. Blicken. Knarzen. Hüsteln. Stille. Doch dann – wie durch ein Wunder, bewegt sich der in Tiefen Versunkene, taucht auf und intoniert mit verzücktem Ausdruck: „Krawehl, krawehl! Taubtrüber Ginst am Musenhain – trübtauber Hain am Musenginst. Krawehl, krawehl!“ Danach greift er zum Wasserglas.

Bei Loriot amüsieren wir uns königlich über diese „Dichterlesung“, würden aber, wenn sie uns in dieser Form in der Wirklichkeit begegnete, unser Heil, wenn schon nicht in der Flucht, so doch zumindest in geistiger Abwesenheit oder in den stummgeschalteten Netztiefen unseres Smartphones suchen. So, auf diese Art will, wenn es ernst gemeint ist, niemand mehr eine Lesung sehen.
Was macht also eine gute Lesung aus? Wie fesselt die Autorin ihr Publikum? Wie springt der Funke über? Und wie gelangt der hoffnungsfrohe Jungautor überhaupt an die Möglichkeit, sein Werk einem Publikum vorzustellen?

Die Akquise

Stellen wir uns einmal vor, Sie halten Ihr erstes Werk in den Händen. Noch warm aus der Druckerpresse und mit diesem unvergleichlichen Duft, den nur Debütromane haben, soll Ihr Buch hinaus in die weite Leserwelt ziehen. Ihr Verlag, klein und/aber fein, hat leider weder Zeit noch Budget, um Ihnen nennenswerte Lesungstermine zu verschaffen, zumal er auch im Süden sitzt, während Sie im hohen Norden leben, und seine Vertriebsabteilung gerade noch im Aufbau begriffen ist. Was also tun?

1. Schritt: Die Lage sondieren

Suchen Sie in den Veranstaltungs- und Termintipp-Verzeichnissen Ihrer Gegend nach Hinweisen zu Lesungen. In den großen Städten gibt es oft extra Zeitschriften, in denen die Literaturtipps gesondert aufgeführt werden. In ländlicheren Gegenden lohnt sich der Blick in die kostenlosen Wochenzeitschriften und in die Tagespresse.
Forschen Sie im Internet nach den Homepages der umliegenden Buchhandlungen. Eine Buchhandlung, die Lesungsevents anbietet, hat oft auch eine extra Rubrik „Veranstaltungen“. Laufen Sie mit offenen Augen durch die Welt. Restaurants, Kneipen und immer mehr auch Branchen, die auf den ersten Blick nichts mit Büchern zu tun haben, präsentieren häufig Lesungen – der Krimi im Bestattungsinstitut, das Kinderbuch im Jugendzentrum, der charmante Frauenroman beim Friseur.
Scheuen Sie sich nicht, bei Ihren Autorenkollegen nachzusehen, wo diese lesen werden oder bereits gelesen haben. Die meisten Veranstalter machen mehr als eine Lesung im Jahr und laden dazu nicht immer den gleichen Autor ein!

2. Schritt: Vorsortieren

Überlegen Sie, ob Ihr Buch in die Veranstaltungsreihe passen würde. Ein Liebesroman hat in einer Buchhandlung mit dem Schwerpunkt politische und historische Werke nicht die besten Voraussetzungen, genauso wenig wie der Thriller in der Kinderbuchhandlung.
Beantworten Sie sich für jeden Adressaten aufs Neue die Frage: Warum sollten Sie gerade in dieser speziellen Buchhandlung lesen? Weil es Ihre Buchhandlung vor Ort ist? Weil es die Buchhandlung des Ortes ist, an dem Ihre Geschichte spielt? Weil Sie schon oft Veranstaltungen dort besucht haben, die Ihnen gut gefallen haben? Weil ...? Weil ...? Weil ...? Seien Sie sorgfältig bei Ihren Antworten – das ist der Schlüssel, mit dem Sie das Gespräch und (hoffentlich) das Herz des Veranstalters öffnen.
Bereiten Sie ein kleines „Mail-Paket“ vor. Es sollte ein rechtefreies Autorenfoto, das Coverbild, die Pressemeldung des Verlags und eine kurze Leseprobe enthalten. Außerdem hat es sich bewährt, ein Standardanschreiben vorzuhalten, das dem jeweiligen Gespräch mit wenigen Sätzen angepasst werden kann.

3. Schritt: Zur Tat schreiten

Bevor Sie loslegen: Achten Sie auf die Uhrzeit! Kein Buchhändler wird ein Ohr für Sie haben, wenn gerade sein Laden rammelvoll steht und Mütter mit plärrenden Kleinkindern auf das Einpacken ihrer Geschenke warten. Auch die Hauptessenszeiten zu Mittag und zum Abend hin sind keine gute Zeitwahl, um eine Dinner-Lesung zu ergattern. Auch empfiehlt sich eine gute Zeitplanung mit einem langen Vorlauf. Die Termine für die Hauptlesungszeit werden lange im Vorfeld gemacht, bei einigen Veranstaltern bereits im Vorjahr.
Haben Sie alle diese Punkte geklärt, nehmen Sie sich Ihre Liste, genügend Zeit und Ihr Telefon zur Hand. Achten Sie nicht auf Ihr wildes Herzklopfen. Ihr Gegenüber am Telefon hört weder das Gepoche, noch sieht es, wie Sie langsam vom Halsansatz her rot anlaufen. Also: Keine Panik! Und machen Sie sich von vorneherein klar, dass Sie nicht mit jedem Anruf eine Lesung vereinbaren werden. Sie werden viele Frösche küssen müssen, bevor Sie auf den (Lesungs-)Thron steigen können. Aber selbst wenn Sie in dieser Hinsicht nicht erfolgreich sind, haben Sie mit jedem Telefongespräch die Möglichkeit, auf Ihr Buch hinzuweisen. Vielleicht war die Neuerscheinung ja noch nicht bis zu Ihrem Gesprächspartner durchgedrungen? Wenn Sie es schaffen, dem Händler Ihr Mail-Paket zusenden zu dürfen, sind Sie schon einen (Marketing-) Schritt weiter. Vergessen Sie nicht, mit angemessenem zeitlichem Abstand nachzuhaken! Viele Veranstalter reagieren erst, wenn Sie sich zum zweiten Mal gemeldet haben und auf das erste Gespräch und auf Ihr Mail-Paket verweisen. 

Den vollständigen Artikel lesen Sie in Ausgabe 3-2012 von Textart.

 

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