Ausgaben 2012

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TextArt 02/2012

Leseprobe:

Eine „spannende“ Konstruktion

Die Kunst des Whodunit-Krimis

Von: Oliver Buslau

Krimis machen heutzutage einen sehr großen Teil des literarischen Angebotes aus. Auch im Fernsehprogramm kann man täglich viele Krimiserienepisoden oder Krimispielfilme sehen. Der Krimi ist nach wie vor „in“, und nach wie vor suchen Verlage gute Krimis. Doch wer so etwas schreiben möchte, muss das Handwerk des Krimiplots beherrschen. TextArt-Chefredakteur Oliver Buslau, selbst Autor von einem Dutzend Kriminalromanen, zeigt Ihnen, was Sie wissen müssen.

Was soll es denn sein? Ein Polizeikrimi à la Tatort? Eine Detektivgeschichte in der Tradition von Sherlock Holmes, Philipp Marlowe oder Agatha Christies Hercule Poirot? Zieht es die Fantasie an romantische Orte wie Venedig (wie in Donna Leons Krimis um Commissario Brunetti)? Oder soll es blutrünstiger zugehen – etwa wie in Dan Browns Verschwörungsthrillern oder Stieg Larssons Millennium-Trilogie?

Was ist eigentlich ein Krimi?

Es gibt viele Spielarten des Krimis (= Abkürzung für „Kriminalroman“ bzw. „Kriminalfilm“). Im Prinzip haben all die Unterarten (Landhauskrimi, Hard-Boiled-Krimi, Locked-Room-Mystery, Gerichtskrimi, historischer Krimi usw.) etwas gemeinsam, was sie als Krimi auszeichnet. Wenn das Publikum einen Krimi erwartet, dann erwartet es: eine Geschichte, die erzählt, wie ein Verbrechen begangen wird oder wie es aufgeklärt wird – oder beides.
Das ist die Definition, die man auch in den Literaturlexika findet. Natürlich gibt es keinen Menschen auf der Welt, der alle existierenden Krimis kennt. Aber man kann davon ausgehen, dass diese Definition auf alle Krimis zutrifft.
Wenn man allgemein bleiben will, wenn man das Grundprinzip erkennen will, nach dem Krimis funktionieren, ergeben sich aus dieser Definition zwei allgemeine Unterarten:

Der Thriller: Hier sieht sich die Hauptfigur einer Bedrohung ausgesetzt, und sie muss gegen diese Bedrohung kämpfen. Wenn sie nichts unternimmt, wenn sie ihre Fähigkeiten nicht entwickelt, wenn sie den Kampf nicht aufnimmt, wird etwas Schreckliches geschehen – zum Beispiel die Vernichtung des Vatikans (Dan Brown: „Illuminati“), ein Attentat (Frederick Forsyth: Der Schakal). Die Frage an die Handlung, aus der sich die Spannung ergibt, lautet: Wird es dazu (Attentat, Mord, Entführung oder was auch immer) kommen? Im Thriller kann der Leser erfahren, wer auf der Seite des Bösen steht. Es gibt über dessen Identität oft kaum Rätsel. Manchmal werden gewisse Hintergründe erst später enthüllt, aber da sich die Spannung ja gerade daraus ergibt, dass man erlebt, wie das (der, die) Böse zu Werke geht, kann man ihn (sie) beim Namen nennen und dem Publikum vorstellen. Der Thriller muss übrigens kein Krimi sein. Die erwähnte Bedrohung kann auch von einer Naturkatastrophe ausgehen. Dann handelt es sich freilich nicht um einen Thriller aus dem Krimigenre, sondern eher um einen „Katastrophenthriller“.

Der Whodunit-Krimi (das Wort ist eine Verballhornung des englischen „Who’s done it“ – „Wer hat es getan“): In einer solchen Geschichte ist etwas Schreckliches geschehen, das Aufklärung verlangt. Klassischerweise handelt es sich um einen Mord. Die Hauptfigur klärt diese Tat, ihre Hintergründe und die Identität sowie Motiv des Täters auf. Wenn sie nichts unternimmt, wenn sie den Kampf meidet, wenn sie keine Energie aufbringt, wird sich das Rätsel niemals lösen. Die Spannung speist sich also (im Gegensatz zum Thriller) aus der Frage: Wer hat es getan – warum und wie? Sehen Sie den Unterschied? Selbstverständlich bleibt die Identität des Mörders im Hintergrund bis zum Schluss, der Böse darf keinesfalls dem Publikum zu früh bekannt gemacht werden, und es soll auch die Ermittlerfigur sein, die dessen Identität herausfindet. Die Geschichte, die wir lesen (und die Sie schreiben, wenn Sie einen Whodunit schreiben), ist nichts anderes als die Geschichte der Lösung des Rätsels. Und diese Geschichte ist zu Ende, wenn alles ermittelt ist. Viele Tatort-Fernseh-Krimis sind Whodunits, die klassischen Detektivgeschichten ebenso wie überhaupt viele Polizeikrimis.

Entscheiden Sie sich!

Es empfiehlt sich, Krimis analytisch zu konsumieren. Dabei werden Sie bald feststellen: Die beiden Grundprinzipien kommen nicht nur in vielen thematischen Varianten daher, sondern sie mischen sich auch. Natürlich kann es Thriller geben, wo die Hintergründe einer Tat (wie im Whodunit) nicht offensichtlich sind oder ermittelt werden müssen. Oft wird am Ende erst genau enthüllt, warum die bedrohliche Katastrophe, auf die alles zuzusteuern scheint, überhaupt stattfinden soll, wer die Hintermänner sind und so weiter. Umgekehrt gibt es auch im Whodunit gelegentlich Thriller-Elemente: Etwa wenn sich die ermittelnde Hauptfigur einer Bedrohung ausgesetzt sieht. […]

Den gesamten Artikel lesen Sie in TextArt 2-2012.

 

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