Ausgaben 2011

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TextArt 03/2011

Leseprobe:

Mehr als Schall und Rauch

Figurennamen sind Programm

Von: Marita Bagdahn

Sie schreiben Kurzgeschichten, Erzählungen, Romane und geben dabei alles: Sorgsam entwerfen Sie den Plot, arbeiten den Konflikt heraus, entwickeln faszinierende Figuren, führen gekonnte Spannungsbögen, feilen an der Sprache, zeichnen treffende sprachliche Bilder. Kurz: Sie wollen Ihrer Leserschaft Sekt statt Selters bieten. Bei den Namen jedoch greifen Sie auf Erika und Max Mustermann zurück: Ihre Figuren heißen Franz Müller, Paul Schmidt, Emma Meier und Marie Schulze. Natürlich können Sie die Namen frei wählen, doch lohnt es sich, auch das mit Sorgfalt zu tun. Aber wie? Unsere Autorin Marita Bagdahn gibt Ihnen die richtigen Tipps für die bewusste und effektive Namenswahl.

Mit Namen lässt sich mehr anfangen, als nur einen Ort zu benennen oder die Personen einer Geschichte unterscheidbar zu machen. Von Plautus stammt der lateinische Ausspruch „Nomen est omen“ – deutsch: „Der Name ist ein Vorzeichen“ oder freier übersetzt: „Der Name ist Programm“.
Vielleicht haben Sie wie ich vor ein paar Jahren, „Glennkill“ gelesen, den Schafskrimi von Leonie Swann (Goldmann Verlag). Mich hat neben spannender Handlung und ungewöhnlicher Wahl der Hauptpersonen (Schafe) auch das Spiel der Autorin mit den Namen amüsiert.
Zur Erklärung für diejenigen, die das Buch nicht kennen: Ein – vermeintliches – Verbrechen hat sich im irischen Dorf Glennkill ereignet. Der Tote, bis vor seinem Ableben Schäfer, hieß George Glenn – und nun liegt er mit einem Spaten im Leib auf der Weide. Getötet. (Und damit killed, wie es im Englischen hieße.) Der Ortsname ist gleichzeitig Romantitel und lenkt die Leserschaft bewusst auf die falsche Fährte.
Doch Leonie Swann belässt es nicht bei diesem Wortspiel. Auch die Heldinnen und Helden ihrer Geschichte, die Schafe, kürt sie mit bedeutungsvollen Namen: Da ist vor allem Miss Maple, „das klügste Schaf der Herde, vielleicht das klügste Schaf von Glennkill …  “. Wer denkt da nicht an Agatha Christies Miss Marple?
Bei den Glennkill-Schafen gibt es Cloud, „das wolligste Schaf der Herde“, Othello, „ein schwarzer Hebriden-Vierhornwidder mit geheimnisvoller Vergangenheit“, und etliche weitere mit außergewöhnlichen Namen und Charakteren.

Nutzen Sie den „Mehrwert“ des Namens

Spätestens seit dieser Lektüre achte ich beim Schreiben sehr viel mehr auf Namen als früher. Es lohnt sich, den „Mehrwert“ der Namen ausnutzen. Sie können Ihren Lesern Informationen geben, ganz unterschwellig Assoziationen und Erwartungen hervorlocken – und damit spielen.
Wussten Sie übrigens, dass es die Onomastik (Namenkunde) gibt? Dieses Fachgebiet beschäftigt sich mit allen möglichen Arten von Namen, also mit Vor-, Nach-, Ortsnamen, aber z. B. auch mit Markennamen.
Ortsnamen: In ähnlicher Weise wie bei „Glennkill“ hat der Autor Jeffrey Eugenides in seinem Roman „Middlesex“ mit Namen und Bedeutungen jongliert. Da geht es um den Ort „Middlesex“, gleichzeitig und vor allem aber um den Held, der ein Zwitter, ein sexuelles Mischwesen zwischen den Geschlechtern ist. Gut, wenn es gelingt, einem Werk diese besondere Würze zu geben.
Nachnamen: Alle Nachnamen haben sich grundsätzlich aus vier unterschiedlichen Ursprüngen entwickelt: aus alten Berufen, alten Vornamen, Herkunfts- oder Örtlichkeitsnamen oder aus sogenannten Wohnstättennamen. Bei Müller und Schmidt (Schmied), den häufigsten deutschen Familiennamen, ist der Bezug zum Beruf eindeutig. Gekonnt umgesetzt wird das bei „Asterix und Obelix“: Obelix ist Lieferant für Hinkelsteine, Miraculix heißt der ehrwürdige Druide, Majestix der Häuptling.
Doch man kann noch viel mehr mitschwingen lassen, etwa Hinweise auf die soziale Schicht: Am einfachsten gelingt das mit adligen Namen: Die einschlägigen Groschenhefte kämen ohne Grafen und Gräfinnen, ohne Freiherren und Freiinnen, ohne „von und zu“ nicht aus, aber auch – des sozialen Spannungsfelds wegen – nicht ohne die „gewöhnlichen“ Nachnamen.

Diese Ausgabe ist leider vergriffen.

 

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