Ausgaben 2011

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TextArt 04/2011

Leseprobe:

Fühlen beim Lesen!

Wie bringe ich den Leser zum Weinen?

Von: Ulrike Dietmann

Schreiben ist eine Gefühlskunst. Schließlich wollen die Leserinnen und Leser mit Ihren Figuren mitfiebern, sie wollen Angst, Ab- und Zuneigung, Sehnsüchte, Enttäuschung und Hoffnung empfinden wie sie. Aber wie bringt man solche und andere Gefühle in einen erzählerischen Text? Ulrike Dietmann, Schreibcoach und TextArt-Autorin, erklärt, wie es geht.

Eine meiner schmerzhaftesten Erfahrungen zum Thema Schreiben machte ich, als ich mein erstes Drehbuch einreichte und vom Produzenten zu einem Gespräch eingeladen wurde. „Das Einzige, was mich an einem Drehbuch interessiert, ist, ob da Gefühl drin ist“, sagte er. Dann erklärte er mir, dass meines davon nicht genügend hätte. Dafür hatte ich jetzt Gefühle, von der Art, wie ich sie lieber nicht gehabt hätte.
Nachdem ich geweint, gewütet und ihm eine Briefbombe geschickt hatte (in einer Kurzgeschichte, die ich am nächsten Tag schrieb), nahm ich mir mein Drehbuch noch einmal vor. Es war geistreich, sprühte vor witzigen Ideen und tiefen Einsichten, der Plot war raffiniert gestrickt, aber er hatte recht: Gefühl kam nicht so richtig auf.

Wie konnte das passieren, nachdem ich eine akademische Ausbildung im Schreiben an der Universität der Künste Berlin absolviert hatte, mehrere Stipendien erhalten und diverse meiner Theaterstücke erfolgreich aufgeführt und mit Preisen versehen worden waren? Hatte ich das Wichtigste verpasst? Ich wühlte meine gesammelten Werke durch. Manche meiner Texte hatten durchaus Gefühl – zufällig. Bewusst war mir das nicht gewesen.
Ich durchwühlte meine Schreibratgeber und war erstaunt, dass ich darin nur wenig zu diesem wichtigen Thema fand. Inzwischen habe ich gelernt, gefühlvolle Texte zu schreiben, und vor allem erlebt, wie glücklich man Leser damit machen kann. Inzwischen bin ich Schreibcoach und Schreibdozentin und eröffne meine Workshops mit dem Satz: „Das Einzige, was den Leser an einem Text interessiert …  “

Leser wünschen sich eine Gefühlserfahrung

Der Unterschied zwischen einem Sachbuch und einem erzählerischen Text ist, dass er die Gefühle anspricht. Menschen lesen einen Roman oder eine Kurzgeschichte, weil sie eine Gefühlserfahrung machen wollen. Unser Job als Autoren ist es, den Lesern eine solche zu bereiten. Die Kunst der Dramaturgie oder die Kunst, spannend zu schreiben, ist nichts anderes, als diese Gefühlserfahrung so stimmig, dicht und wirksam wie möglich zu gestalten. Schon Aristoteles schreibt darüber in seiner Theorie der Tragödie. Die Tragödie bereitet dem Zuschauer eine „Katharsis“, wie er es nennt, eine emotionale Reinigung. Die Tragödiendichter weckten diese Gefühle im Zuschauer, steigerten sie bis zur Unerträglichkeit und lösten sie wieder auf. Nach dieser Gefühlsdusche gingen die Zuschauer erleichtert nach Hause. Wer die besten emotionalen Wechselbäder zubereitete, gewann Ruhm und Ehre bei den jährlichen Dichterwettbewerben. Nicht viel anders ist es heute. Hollywood hat die Kunst perfektioniert.
Gefühle wecken, steigern und auflösen: Das ist die ganze Weisheit in wenigen Worten zusammengefasst. Allerdings ist jedes der drei: Wecken, Steigern und Auflösen eine ganz eigene Kunst.

Wie wecke ich Gefühle?

Es ist nicht leicht, ein echtes Gefühl zu empfinden und in passenden Worten auszudrücken. Noch weniger leicht ist es, sich ein echtes Gefühl vorzustellen und dann dafür die richtigen Worte zu finden. Deshalb ist es erstaunlich, dass viele Autoren, die mir ihre Texte fürs Coaching schicken, genau dies tun. Ein vorgestelltes Gefühl ist im Unterschied zu einem gefühlten Gefühl eine Kopfgeburt, es hat kein Fleisch und Blut. Das Problem ist, dass man es einem Text anmerkt, ob ein Autor etwas gefühlt hat oder nicht. Gefühle sind wie Gerüche, sie springen über, sie stecken an, sie übertragen sich auf einer körperlichen Ebene. Man kann einem Leser nicht erklären, welches Gefühl er haben soll, man muss es ihn fühlen lassen. Der Leser fühlt genau, was der Autor gefühlt oder nicht gefühlt hat. Man kann ein Gefühl nicht beschreiben, man muss es ausdrücken.

Kürzlich schickte mir eine Autorin ein 300 Seiten starkes Manuskript, dessen Schauplatz die finnischen Wälder waren. Ich dachte, das ist originell, in den finnischen Wäldern kann man sich viel vorstellen: einen blutigen Thriller, eine Naturromanze oder einen spirituellen Selbstfindungstrip mit Rieseninsekten. Der Stil der Autorin war ausgezeichnet, anschaulich, visuell, hatte einen angenehmen Flow. Leider passierte unter den vier Urlaubern in der einsamen Hütte nichts, außer, dass ein Boot ein Loch hatte, eine Kiste Proviant absoff und ein Bär den Müll durchwühlte. Selbst bei der Bärenattacke blieben alle Figuren betont ruhig und irgendwie vergnügt. Niemand stritt, und fröhlich fuhr man am Ende wieder nach Deutschland zurück. Dafür kenne ich jetzt jeden Nagel an diesem Ferienhaus, jedes Haar des Bären und ich weiß über die horrenden Lebensmittelpreise in der finnischen Provinz Bescheid, und …  ich fühle mich genötigt, einen Schrei an alle werdenden Autoren loszulassen: Bitte schafft Situationen, baut Konstellationen, erfindet Ereignisse, schürt Konflikte, die Gefühle aufkommen lassen! Ich will auf jeder Seite mindestens ein starkes Gefühl erleben. Ich will beim Lesen ins Sofa sinken, das Telefon überhören und glasige Augen haben, wenn ich den Text weglege.
Warum drücken sich Autoren vor Gefühlen? Fühlen ist anstrengend, zumindest wenn man nicht darin geübt ist und selbst dann. Es kostet viel Energie, ein authentisches Gefühl in sich aufkommen zu lassen und es dann auch noch auszudrücken. Aber diese Mühe lohnt sich, denn dafür lieben uns die Leser. Das ist unser Job.

Den gesamten Artikel finden Sie in der Ausgabe TextArt 4-2011.

 

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