Ausgaben 2010

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TextArt 03/2010

Leseprobe:

Von Erstleser bis Jugendbuch

Die Kunst, für Kinder zu schreiben

Dagmar Fischer

„Vielleicht schreibst du als nächstes ja mal ein richtiges Buch." Solche Kommentare höre ich als Kinderbuchautorin ständig. Leider wird Kinderliteratur immer noch nicht als ernst zu nehmende Literatur angesehen. Zu Unrecht, denn ein Kinderbuchautor muss nicht nur – wie jeder andere Autor auch – sein Handwerk beherrschen. Wer Kinderbücher schreibt, sieht sich zusätzlich noch vor ganz eigene Herausforderungen gestellt.

Trotz mangelnder Anerkennung hat das Schreiben für Kinder einen ganz besonderen Reiz: Kinder sind ein sehr begeisterungsfähiges Publikum. Die Kleinen tauchen in die Geschichten ein und leben in ihnen, als sei es die Realität. Auf keiner Lesung für Erwachsene habe ich jemals in so viele, vor Freunde glänzende Augen geschaut, und das entschädigt für alles.

Enge Zielgruppeneinteilung

Wenn Sie für Kinder schreiben möchten, müssen Sie sich von Anfang an darüber klar sein: „Für Kinder" ist zu ungenau, denn die Verlage machen eine sehr enge Einteilung. Das macht durchaus Sinn, denn Kinder lernen in ganz kurzer Zeit so unglaublich viel dazu, dass sich ihre Interessen rasend schnell verändern.
Es gibt verschiedene Einteilungen in Zielgruppen, die sich teilweise auch überschneiden. Eine besonders detaillierte sieht folgendermaßen aus:
0–2 Jahre: Elementarbilderbuch (ohne Text, nur Illustrationen)
3–5 Jahre: Pappbilderbuch und Bilderbuch (wenig Text, viele Illustrationen)
6–9 Jahre: Erstleser; manche Verlage splitten hier ihr Angebot sogar noch in die vier Schulklassen auf (mehr Text als Illustrationen)
8–11 Jahre: Kinderbuch (keine oder wenig Illustrationen)
ab 12 Jahre: Jugendbuch (keine Illustrationen)
Falls Sie sich noch nicht sicher sind, für welche Altersklasse Sie schreiben möchten, empfehle ich Ihnen, sich eine Buchhandlung auszusuchen, die die Bücher nach Alter geordnet präsentiert. Hier können Sie in Ruhe schauen, welche Themen für welches Alter angeboten werden und in welchem Stil die Bücher geschrieben sind. Auch sollten Sie bei der Wahl der Zielgruppe im Hinterkopf behalten, dass die meisten Kinderbücher von Erwachsenen gekauft werden. Je jünger die Zielgruppe ist, desto eher bestimmen die Eltern oder aber Oma und Opa, welches Buch die Kids in die Hände bekommen. Ihr Buch sollte daher auch für Erwachsene einen Kaufanreiz bieten.

Welche Themen für welches Alter?

Für kleinere Kinder um die 4 Jahre sind solche Geschichten interessant, die täglich um sie herum passieren. Viele Kinder in diesem Alter besuchen einen Kindergarten. Dort müssen sie sich in die Gruppe einfügen, darin aber auch behaupten und sich mit den Meinungen und Sichtweisen der anderen Kinder auseinandersetzen. Ab diesem Alter wächst das Interesse für Buchstaben und Zahlen und das Thema Schule wird immer interessanter.
Erstleser interessieren sich meist für die „klassischen Kinderbuchthemen" wie Monstergeschichten, Geschichten über Ritter, Gespenster oder Tiere. Aber natürlich sind auch Geschichten rund um die Schule für diese Alterklasse spannend.
Je älter die Kinder werden, desto mehr wird zwischen Büchern für Jungen und Mädchen unterschieden. Bei den 8–10-Jährigen ist der Anteil der lesenden Jungs und Mädchen zwar gleich groß, aber es beginnt schon damit, dass Jungs in diesem Alter selten ein Buch lesen möchten, in dem ein Mädchen die Hauptfigur ist. Mädchen sind da ein bisschen toleranter. Ab etwa 10 Jahren interessieren sich viel weniger Jungs fürs Lesen als Mädchen. Daher sind für diese Altersgruppe Pferdebücher sehr interessant. Die Jungs interessieren sich dann eher für altersgerechte Kriminalgeschichten. Ab 12 Jahren verlieren noch mehr Jungs das Interesse am Lesen und Geschichten über die „erste Liebe" und Schwärmereien für Film- oder Musikstars rücken ins Interesse der verbliebenen weiblichen Leserschaft. Welche Themen ganz aktuell im Trend liegen, erfahren Sie auf Buchmessen, beim Stöbern im Buchhandel oder auf Kinderbuch-Websites.
Was allerdings in jedem Alter fehl am Platz ist, sind natürlich Sex und Drogen, Gewalt und schwere Verbrechen. Auch um Schimpfwörter sollten Sie einen Bogen machen und manche Verlage mögen es noch nicht mal, wenn die erwachsenen Figuren im Manuskript Zigaretten oder Alkohol konsumieren.

Der Plot

In der Kinderliteratur ist es wichtig, die Kids gleich am Anfang des Buchs erkennen zu lassen, wer die Hauptfigur ist, wo sie lebt und wie sie lebt, damit sich die Leser schnell in das Buch einfinden können.
Sie sollten keinen zu komplizierten Plot entwerfen, denn erst ab etwa 7 Jahren schaffen es Kinder, zwei Handlungsstränge im Kopf miteinander zu verknüpfen. Für jüngere Kinder sollten Sie daher Geschichten schreiben, die nur aus einem einzelnen Handlungsstrang bestehen. Dieser sollte sehr dicht sein, denn Spannung ist bei Kindergeschichten besonders wichtig. Die Figuren im Buch dürfen zwar reflektieren – was sie auch tun sollten, um Tiefe zu bekommen – aber bei allem, was länger ist als ein oder zwei Sätze, fühlen sich viele kleine Leser schnell gelangweilt.
Denken Sie daran, dass sich Kinder für ganz andere Sachen interessieren als Erwachsene. Mit langen Landschaftsbeschreibungen zum Beispiel können die wenigsten Kinder etwas anfangen. Fesseln Sie Ihre jungen Leser stattdessen mit Action oder peppen Sie Beschreibungen mit Handlung auf: Anstatt bis ins letzte Detail zu schildern, wie eine bestimmte Sehenswürdigkeit aussieht, sollten Sie besser schreiben, wie beispielsweise ein Affe auf einen Brunnen klettert, sich an den verschiedenen Becken und Schmuckfiguren entlanghangelt, in der Fontäne badet, um dann mit einem Salto vor den verdutzten Passanten auf dem Boden zu landen.
Grundsätzlich fallen Kindern auch ganz andere Sachen auf als Erwachsenen. Und das nicht nur, weil sie sich für andere Dinge begeistern können, sondern auch aufgrund der kleineren Körpergröße. Wenn Sie beschreiben wollen, was in einem Regal steht, gehen Sie in die Knie bis auf die Augenhöhe der Altersgruppe für die Sie schreiben möchten, und notieren, was Sie aus dieser Perspektive sehen. Sie werden sich wundern, wie anders alles aussieht.
Kinder lieben spannende Bücher. Und was bei Erwachsenen funktioniert, funktioniert bei Kindern sogar noch besser: Lassen Sie die kleine Leserschaft immer ein bisschen mehr wissen als die handelnden Figuren. Da sich Kinder sogar noch stärker an offenen Fragen reiben als Erwachsene, sollten Sie dieses Stilmittel auf jeden Fall in ihre Geschichte einbauen.
Es versteht sich fast von selbst, dass die Kapitel in der Kinderliteratur kürzer sein sollten, als die in Romanen für Erwachsene. Kinder haben eine viel kürzere Aufmerksamkeitsspanne und können daher nicht so viel aufnehmen wie Erwachsene. Auch brauchen Kinder einfach viel mehr Zeit, um dieselbe Menge Text wie ein Erwachsener zu lesen und im Kopf zu verarbeiten.

Den vollständigen Beitrag lesen Sie in der Ausgabe 3/2010

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