Ausgaben 2009

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TextArt 01/2009

Leseprobe:

Wie Ortswechsel inspirieren

Schreiben unterwegs

Sylvia Fritz

Es gibt viele Orte zum Schreiben: den bequemen Sessel neben dem Bücherregal, einen Tisch im Arbeitszimmer oder in der Küche, den wohltuenden Raum einer Schreibgruppe. Meist sind es Orte, die wir eigens fürs Schreiben ausgewählt und eingerichtet haben. Orte, die uns vertraut sind, die uns ein Gefühl von Sicherheit geben und Ruhe ausstrahlen. Und dann gibt es Orte, die anders sind: ungewöhnlich, ganz und gar ungeeignet zum Nachsinnen und Schreiben, es sind laute Orte mit unaufhörlicher Bewegung oder solche, an denen man noch nie Stift und Papier hervorgeholt hat. Orte, an denen es vielleicht keinen Sitzplatz gibt und keinen Tisch. Orte, von denen die meisten sagen würden: Nein, hier ist es mir unmöglich, zu schreiben. Aber ist das wirklich so? Sylvia Fritz berichtet über Erfahrungen mit dem „Schreiben am anderen Ort“.

Spurensuche I: Figuren

9:45 Uhr: Wir treffen uns auf der Bahnsteigkante. Es ist Samstag. Der kalte Novemberwind kriecht in unsere Jacken und Mäntel, pustet unsere Köpfe frei. Ich verteile farbige Briefumschläge mit Namen darauf. Einen Schreibauftrag für jeden, einen ersten Impuls für die Reise, die wir heute gemeinsam machen wollen. Schreibend werden wir auf Spurensuche gehen: in der S-Bahn die Spur von Menschen aufnehmen und in der Stadt die von Geschichten, die dort auf der Straße liegen.
Die Bahn rollt heran und bleibt stehen. Wärme dringt aus den Waggontüren auf den Bahnsteig heraus und lässt uns schnell einsteigen. Jetzt heißt es, einen guten Platz zum Beobachten finden. Einige setzen sich nebeneinander, andere für sich allein.
10.02 Uhr: Der Zug setzt sich in Bewegung und wir uns mit ihm. Wir lassen den geliebten Platz zum Schreiben und den gewohnten Blick auf den Alltag hinter uns. Hier im Zug riecht es anders, hört es sich anders an, schmeckt es anders auf der Zunge. Auch unsere Art, den Stift zu halten, wird eine andere sein, zwischen all den Reisenden, dem Gepäck, den am Boden liegenden Hunden, bei sich öffnenden und schließenden Türen und der Fahrtzeit im Nacken. Es sind 40 Minuten bis in die Mitte Berlins. Stifte, Papier und Schreibbücher werden hervorgeholt. Und der Schreibauftrag:

Nimm in der S-Bahn gedanklich die Spur von Menschen auf, die du siehst, drinnen im Zug oder draußen auf dem Bahnsteig. Betrachte sie genau, ihre Frisur, ihren Augenaufschlag, die Form ihrer Nase und ihres Mundes, ihre Ohren, ihr Lächeln. Gibt es etwas, dass dir an einer Person sofort ins Auge sticht, das vielleicht ganz typisch für diese ist?
Wohin geht der Blick dieser Person, nach innen oder zum Fenster hinaus? Oder richtet die Person die  Augen auf ihr Gegenüber, mit dem sie gerade spricht? Worüber sprechen die beiden?
Welche Art von Kleidung trägt die Person? Hat sie eine Tasche dabei, ein Handy, eine Zeitung, ein Buch? Was liest sie? Und: Was vermutest du über sie? Wie könnte die Person heißen, wo könnte sie wohnen, wie lebt sie, mit wem lebt sie zusammen oder lebt sie allein? Wohin fährt die Person? Was hat sie in den nächsten Stunden vor?
Schreibe über eine Person von innen heraus (innerer Monolog) und von außen (Beschreibung). Erschaffe eine Figur!

Auf uns liegen fragende, teils misstrauische Blicke. Sie wollen wissen, was man denn da so schreibe. Jutta überkommt ein komisches Gefühl. Unsicherheit und ein bisschen Angst schwingen darin und Zweifel, ob man andere einfach so beobachten und über sie schreiben kann.
10:43 Uhr: Der Zug fährt in die Friedrichstraße ein, bricht das Gefühl und das Schreiben ab, spuckt uns aus in den Bahnhof. Mit den Figuren unterm Arm gehen wir hinein in die Stadt. Tragen sie in die Mitte Berlins, in der der November ebenso kalt ist. Sein Grau jedoch wird hier vertrieben, von den vielen Menschen und Autos und den hell erleuchteten Geschäften. Auf der Friedrichstraße suchen wir uns eines der Cafés aus. Wer will, kann hier das Geschriebene vorlesen. Zuvor bestellen alle noch warmen Kaffee und Tee.

Den vollständigen Beitrag lesen Sie in der Ausgabe 1/2009.

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