Ausgaben 2009

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TextArt 02/2009

Leseprobe:

Weise Geschichten in aller Kürze

Die Kunst, Fabeln zu schreiben

Horst-Dieter Radke

So mancher kennt die Gattung der Fabel nur noch als dunkle Erinnerung aus der Schulzeit. Doch die kurzen, lehrhaften Geschichten mit Tieren, Pflanzen oder Gegenständen als Protagonisten haben nichts von ihrer Aktualität verloren und sie dienen als exzellentes Übungsfeld im Kreativen Schreiben. Das findet zumindest unser Autor Horst-Dieter Radke, der Ihnen hier das Thema in einem Praxisartikel näherbringt.

Schau hin, schau her
Nun gibt's keine Fabeln mehr.

Rainer Kunze: Das Ende der Fabeln

Die Fabel ist tot. Doch: Es lebe die Fabel!

Eugen Drewermann: Von Tieren und Menschen

Sicher ist die Fabel als moralische Ermahnung zu Zwecken der Erziehung und Bildung überholt und unnütz geworden, zumindest in der Form, in der sie im 18. und 19. Jahrhundert so häufig und beliebig produziert wurde. Aber zahlreiche Fabeln des 20. Jahrhunderts (von Kafka über Brecht und Schnurre bis Drewermann) zeigen, dass sie keinesfalls als ausgestorben gelten kann. Fabeln zu schreiben, ist nach wie vor reizvoll, weil es sich um eine kurze literarische Form handelt, die aber keineswegs anspruchslos ist. Ist es aber heute noch zeitgemäß, Fabeln zu schreiben? Allzu oft wurde schon verkündet, dass die Fabel tot ist. Das mag insofern stimmen, als die Fabel zur moralischen Belehrung kaum noch taugt, schon gar nicht als Lehrstück für Kinder. Aber ist die Fabel denn einzig dafür erfunden, um Kinder mit den jeweiligen Moralvorstellungen von Gesellschaft und Epoche vertraut zu machen? Sicher nicht, denn schaut man sich die Fabeln unterschiedlicher Epochen genauer an, dann findet man viele mit einer Aussage, die das Erkenntnisvermögen der Kinder weit übersteigt. Aber man kann sagen, dass die Fabel eine Dichtung mit Absicht ist. Lessing sagt in seiner Abhandlung über die Fabel gleich zu Anfang: »Mein Gegenstand ist die sogenannte Äsopische Fabel. Auch diese ist eine Erdichtung; eine Erdichtung, die auf einen gewissen Zweck abzielt.« Das ist natürlich eine heikle Sache. Ist der Zweck allzu offensichtlich und zielt er darauf, eine Meinung zu verfestigen, dann taugt die Fabel nicht viel. Dient der Zweck aber dazu, zur Nachdenklichkeit anzuregen und Sachverhalte kritisch zu hinterfragen, dann ist die Fabel angemessen, wenn sie nicht gerade sprachlich verunglückt ist. Die Fabel ist einfach ein Stück Literatur von überschaubarer Länge, das zu schreiben Spaß machen kann. Lassen Sie sich nicht von Literaturwissenschaftlern abschrecken. Die Fabel ist so lebendig oder tot, wie Sie es wollen.

Geschichte der Fabel - kurzgefasst

Kurze, lehrhafte Erzählungen, in denen Tiere handeln und agieren, gibt es in der Erzähltradition fast aller Völker. Ausgangspunkt in der europäischen Fabeltradition ist der antike griechische Dichter Äsop. Zur mittelalterlichen Schullektüre gehörten lateinische Fabelsammlungen. Ein Fabeldichter, der die Mittelhochdeutsche Sprache nutzte, war der „Stricker" (13. Jh.). Große Beliebtheit genoss die Fabel auch im Humanismus und der Reformationszeit. Hans Sachs (1494–1576) und Martin Luther (1483–1546) bereicherten die Fabeldichtung nicht unwesentlich. Danach wurde die Fabel erst im 17. Jh. wieder populär, durch La Fontaine (1621–1695) in Frankreich und durch ihn angeregt im 18. Jh. auch in Deutschland. Hier gab es nun auch eine Motivverschiebung: An die Stelle der moralischen Belehrung trat nun die Betonung der bürgerlichen Lebensklugheit. Aus der Vielzahl der Fabeldichter dieser Zeit sind von Hagedorn (1708–1754), Gellert (1715–1769) und Gleim (1719–1803) zu nennen. Gotthold Ephraim Lessing (1729–1781), der sich mit seinen Fabeln wieder an Äsop orientierte, brachte die Gattung zu einem Höhepunkt und schloss diese Entwicklung weitgehend ab. Es gab danach zwar immer noch eine hohe und deutliche Produktion an Fabeln bis ins 19. Jh. hinein, aber sie wurde meist zur Belehrung von Kindern und Schülern eingesetzt, so etwa von dem Pfarrer Wilhelm Hey (1789–1854). Auch moderne Dichter des 20. Jahrhunderts griffen die Fabel gelegentlich auf. Beispiele finden sich bei Kafka (1883–1924), Brecht (1898–1956), Schnurre (1920–1989). Dass sprechende Tiere die Fabel bevölkern, hat dazu geführt, Tiergeschichten und Fabeln gleichzusetzen, was allerdings nicht korrekt ist. Der Fabeldichter nutzt Tiere, um mit wenig Aufwand Eigenschaften zu beschreiben. Das geht bei richtigem Einsatz aber auch mit Gegenständen oder Menschen.

Den vollständigen Beitrag lesen Sie in der Ausgabe 2/2009.

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