Ausgaben 2009

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TextArt 03/2009

Leseprobe:

Immer schön hängen lassen!

Wie Sie Ihre Leser aufs Angenehmste quälen

Stephan Waldscheidt

„Ich liebe dich“, sagte Irving, „seit Jahren schon. Willst du mich heiraten? Was ist? Sag doch etwas, bitte.“ Irving starrte Samantha an, sie alle starrten, die Blicke der siebzig Gäste des Empfangs hingen an Samanthas Lippen. Das hatte Irvings großer Abend sein sollen, die Verlobung mit seiner Jugendliebe, kaum mehr als eine Formsache. Hatten sie nicht gemeinsam gescherzt über die reichlich übertriebene Zahl von Zeugen? Was sich jetzt anbahnte, war der größte Skandal, den Highland Manor je erlebt hatte. Samantha räusperte sich. Sie betrachtete Irving ernst. Da wurde die Saaltür aufgerissen und ein Mann in Reitkleidung stürmte in den Raum. Und dann ...  

... dann führt uns der Autor zu einer ganz anderen Szene und lässt uns Leser hängen. Wir hassen ihn dafür – aber wenn er es richtig macht, dann lieben wir ihn noch mehr. Die Beziehung zwischen einem Autor von fiktionalen Texten und dem Leser hat etwas Intimes. Es spielt keine Rolle, ob Sie als Autor oder Leser das möchten oder ob Sie sich dessen bewusst sind. Die Beziehung wird begründet, sobald der Leser das Buch aufschlägt, und sie wird gefestigt mit jedem treffenden Wort darin. Autoren von fiktionalen Texten sprechen Emotionen beim Leser an, wecken oder verstärken sie. Wenn sie das nicht tun, hat der Autor das falsche Medium gewählt und hätte besser ein Sachbuch geschrieben oder ein Pamphlet. Bei fiktionalen Texten geht es um Emotionen, Punkt. Alles Weitere – Informationen über eine historische Persönlichkeit, über den Stand der Kriminologie oder Beschreibungen einer realen Stadt – ist bestenfalls die Basis, auf der die Emotionen gründen. Die Beziehung zwischen einem Autor und seinem Leser ist nicht nur intim und voller Emotionen, sie ist sexuell, ja, sadomasochistisch. Nicht umsonst spricht man auch davon, den Leser auf die Folter zu spannen. Denn bei einem Roman oder einer Kurzgeschichte geht es um nichts anderes, als dem Leser seine Befriedigung – das Ende der Geschichte oder einzelner Handlungsstränge – vorzuenthalten. Und je raffinierter der Autor das tut, desto lustvoller wird für den Leser der Weg bis zum Höhepunkt. Damit Ihnen Ihr Leser bei all diesen Spielchen nicht davonrennt, müssen Sie ihn zunächst einmal fesseln, mit einem emotionalen Band. Dieses Band zu knüpfen, ist die Aufgabe der ersten Seiten Ihrer Geschichte, danach sollten Sie mit dem Quälen beginnen.

Der Cliffhanger

Das bekannteste der Folterwerkzeuge ist der Cliffhanger: Sie führen eine Figur in eine dramatische Situation – und lassen sie dort buchstäblich hängen. Danach schwenken Sie zu einer anderen Handlungsebene, zu einer anderen Figur, die Sie dann, im einfachsten Fall, ebenfalls zu einem Cliffhanger führen. Viele der klassischen Thriller hetzen ihre Leser so von einer angenehm qualvollen Klippe zur nächsten. Ein Cliffhanger funktioniert nur, wenn der Leser zuvor eine emotionale Bindung zu dieser Figur in Not eingegangen ist. Warum sollte es ihn sonst kümmern, ob sie sich retten kann oder ob er stirbt? Ich habe bewusst „sich retten kann“ geschrieben, denn aktive Figuren sind passiven Figuren, die „sich retten lassen“ grundsätzlich vorzuziehen, weil sie eine Geschichte besser voranbringen und dem Leser emotional leichter näherkommen, ihm häufig sympathischer sind. Neben dem Cliffhanger gibt es eine Reihe weiterer wirksamer Methoden, wie Sie Ihre Leser aufs Angenehmste quälen, die Grenzen zwischen den Methoden sind fließend. Als Autor schildert man eine spannende Situation gerne von Anfang bis Ende. Leicht verspritzt man seine Tinte dabei zu schnell. Tad Williams zeigt in seinem Roman-Zyklus „Otherland“, wie man es besser macht. In einer Szene schildert die Ermittlerin Calliope ihrem Kollegen Stan am Telefon, sie habe etwas Wichtiges entdeckt und müsse es ihm unbedingt erzählen. Stan, vor allem aber der Leser, platzt vor Neugierde. Statt jedoch die Ermittlerin gleich am Telefon alles erzählen zu lassen, schiebt der Autor die Situation auf: Calliope sagt, sie wolle sich mit Stan treffen, um ihm die dramatische Neuigkeit zu berichten. Auf dieses Treffen muss der Leser freilich noch eine Weile ungeduldig warten.

Erwartungen enttäuschen

Hier ein anderes Beispiel: Ein altes Farmhaus in den schottischen Highlands, Landregen, und hinter dem Chesterfield-Sofa liegt Samantha auf der Lauer, einen mexikanischen Opferdolch in der zitternden Hand, den Blick auf die Tür gerichtet. Samantha und der Leser rechnen damit, jeden Moment Samanthas Ex-Mann und Serienkiller Barnaby durch die Tür treten zu sehen, die Spannung steigt mit jeder knarrenden Diele draußen im Flur – oder stammen die Geräusche nur vom Regen? Tatsächlich ist Barnaby unterwegs zu Samanthas Versteck, wie der Leser weiß, hat er im letzten Kapitel ihren Aufenthaltsort herausgefunden. Dann öffnet sich knarrend die Tür, Samantha zieht den Dolch heraus, ihre Hand zittert. Doch herein tritt nicht Barnaby, sondern Barnabys Chauffeur Gustav. Indem Sie Erwartungen Ihrer Leser enttäuschen, überraschen Sie ihn und sorgen zugleich für mehr Spannung. Lassen Sie jedoch auf das Enttäuschen von Erwartungen bald eine (kleine) Belohnung folgen. Die Enttäuschung muss sich als interessanter entpuppen, als es die erfüllte Erwartung gewesen wäre. Meistens heißt das: Steigern Sie die Spannung, indem Sie neue Fragen aufwerfen, die der Leser dringend beantwortet wissen will: Was zum Teufel tut ausgerechnet Gustav hier? Er, der bisher so unverdächtige, freundliche alte Mann – auf welche Weise ist er in die Morde verwickelt?

Den vollständigen Beitrag lesen Sie in der Ausgabe 3/2009.

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