Ausgaben 2009

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TextArt 04/2009

Leseprobe:

Im Takt der Erzählung

Dramaturgie auf unteren Ebenen

Oliver Buslau

Wenn Sie eine Geschichte planen, skizzieren Sie das Ziel Ihrer Heldin oder Ihres Helden, Sie überlegen sich Konflikte, in die Sie Ihre Protagonisten stürzen. Soll es zum Beispiel eine Liebesgeschichte werden, kennen Sie die Schwierigkeiten, die der Liebe der beiden entgegenstehen. Schreiben Sie eine Detektivstory, wissen Sie, an welcher Stelle Ihr Ermittler welche entscheidenden Informationen erhält und so weiter. Sie haben diesen Handlungsablauf vielleicht als Exposé auf einer, drei oder fünf Seiten zusammengefasst, und jetzt möchten Sie sich an die eigentliche Arbeit machen. Sie wollen keine Zusammenfassungen mehr schreiben, sondern den wirklichen Text. Sie fangen an, kommen in der ersten Euphorie bis auf Seite 20 – und stellen enttäuscht fest, dass etwas nicht stimmt. Dem Text fehlt das Salz in der Suppe. Der innere Film, den Sie Ihren Leserinnen und Lesern bieten wollen, kommt nicht zustande. Vielleicht erhalten Sie auch noch eine entsprechende Kritik eines Testlesers – und je nachdem, wie Sie reagieren, setzen Sie eine wertvolle Freundschaft aufs Spiel. Das muss nicht sein. Wenn Sie Ihre erzählende Prosa einmal auf die Dramaturgie der unteren Ebenen abklopfen.  

Nehmen wir an, Ihr Exposé beginnt mit dieser Handlung, die hier – ganz nach Exposéart – so zusammengefasst erscheint:

Willi Oberländer, 30 Jahre alt, arbeitet in einem Hausmeisterservice. Er kommt durch seinen Job viel herum, was zu Problemen in seiner jungen Ehe führt: Seine Frau Manuela, 27, würde gerne mehr Zeit mit Willi verbringen. Sie sind jetzt drei Jahre verheiratet; mit Kindern hat es noch nicht geklappt. In den letzten Wochen gab es ein paar schlimme Auseinandersetzungen, weil Willi mal wieder keinen Urlaub genommen hat. Manuela, die bisher als Hausfrau zu Hause saß, hat erklärt, dass sie sich einen Job suchen würde. Dann hätte Willi endlich, was er wollte: Sie würden beide nur noch arbeiten, und ihr Privatleben wäre zerstört. Die Geschichte beginnt am dritten Hochzeitstag. Willi will alles wiedergutmachen. Er sieht zu, dass er früher nach Hause fahren kann. Unterwegs reserviert er telefonisch in einem Restaurant einen Tisch, und er kauft einen Blumenstrauß. Als er nach Hause kommt, ist Manuela nicht da. Zuerst denkt Willi, dass sie jeden Moment kommen wird, und er nutzt die Gelegenheit, um die Blumen in eine schöne Vase zu stellen. Als Manuela nach einer Stunde immer noch nicht da ist, beginnt er sich Gedanken zu machen. Und jetzt fallen ihm Ungereimtheiten auf: Im Bad ist etwas zu Bruch gegangen. Scherben liegen auf dem Boden. Die Betten sind nicht gemacht. Mitten im Wohnzimmer steht der Staubsauger. Willi geht durchs ganze Haus und findet Manuela schwer verletzt im Keller. Neben ihr liegt eine Eisenstange. Sie kann gerade noch ein paar Worte murmeln, bevor sie stirbt. Sekunden später klingelt die Polizei an der Tür. Ein anonymer Anruf hat sie alarmiert. Die Beamten stellen fest, dass Manuela mit einem schweren Gegenstand niedergeschlagen wurde. Man weiß, dass die beiden Streit in der Ehe hatten. Dafür gibt es Zeugen. Willi gerät unter Verdacht. Er flieht, um seine Unschuld zu beweisen.

Die Szene als Kern

Das wäre nach dem Sprachgebrauch der Dramaturgie der erste Akt eines Krimis. Die Handlungsspanne reicht vom Beginn bis zum ersten Wendepunkt. Nun schauen wir uns an, wie die Dramaturgie auf den unteren Ebenen funktioniert. Der erste Schritt ist das Herunterbrechen der einzelnen Handlungsschritte in Szenen. Szenen sind Einheiten der Handlung an bestimmten Schauplätzen und mit bestimmten Figurenkonstellationen. Mit welcher Szene beginnen wir? Der Anfang einer Geschichte sollte den Leser in die Handlung ziehen, aber auch etwas über die Hauptfigur aussagen, und das nicht einfach berichtend, sondern zeigend, also inszeniert (da steckt das Wort „Szene“ drin). Stellen wir uns entsprechende Fragen: Wo zeigt sich zum ersten Mal Willis Ziel, seine Ehe an diesem dritten Hochzeitstag zu retten? Ich denke, kurz bevor er nach Hause kommt. Er muss sich von der Arbeit loseisen (was ihm, wie wir wissen, schwerfällt). Er muss im Restaurant anrufen. Er muss Blumen kaufen. Früh zu Hause sein. Lauter Ziele, die wir auf Szenenebene verwenden können.

Szene 1
Willi will heute um 15 Uhr zu Hause sein. Er kämpft mit seinem Chef, kämpft um einen Tisch im Restaurant „La Fleur“ und kauft Blumen. Er schafft es mit Ach und Krach nach Hause: Große Enttäuschung. Manuela ist nicht da und kann seine Heldentat nicht würdigen.

Das läuft ganz gut. Ich skizziere gleich weiter:

Szene 2
Willi beschließt, das Beste aus der Situation zu machen. Er räumt den Staubsauger weg, der seltsamerweise mitten im Wohnzimmer steht, sucht eine Vase für die Blumen. Er drapiert alles schön auf dem Esstisch, den er auch erst mal abräumen muss. Seltsam, dass Manuela das nicht getan hat. Sie ist doch sonst so ordentlich. Als er sich im Bad die Hände waschen will, entdeckt er Scherben. Beunruhigt sucht er das Haus ab und findet Manuela sterbend im Keller. Sie kann noch etwas murmeln, dann ist sie tot.
Szene 3
Willi reißt sich aus seiner Lähmung, rennt zum Telefon. Manuela retten! Das ist jetzt das Wichtigste. Er will gerade wählen, da wird Sturm geklingelt, und die Polizei kommt. Man holt den Notarzt, der nur noch den Tod feststellen kann. Der völlig benommene Willi muss mit ins Präsidium.

Szene 4
Willi will wissen, was überhaupt los ist. Er wird lange festgehalten und irgendwann einem Kommissar vorgeführt, der ihn befragt und mit Zeugenaussagen konfrontiert. Willi dämmert, dass man ihn verdächtigt. Das darf nicht wahr sein! In einer Kurzschlusshandlung flieht er.

Machen Sie sich die Mühe und analysieren Sie genau, wie die Szenen aufgebaut sind. Selbstverständlich sollen Sie das auch mit Szenen aus anderen Büchern tun – und zwar nicht nur mit Krimis, sondern auch mit Fantasyromanen, mit Liebesgeschichten oder was auch immer. Was ich hier vorstelle, ist kein Korsett, kein Rezept, sondern eine Methode, Szenen zu entwickeln und besser zu machen. Überprüfen Sie auch eigene Texte!

Ist Ihnen die innere Dramaturgie bewusst? Jede Szene hat eine Perspektivfigur, in deren Haut man schlüpft, wenn man liest. Diese Figur hat ein Ziel, das in der Skizze jeder Szene klar und deutlich genannt wird, und zwar deshalb, damit ich es nicht aus den Augen verliere. Dem Ziel stehen Widerstände gegenüber, und am Ende gibt es ein Ergebnis: Hat die Figur das Ziel erreicht? Darauf sollte es eine astreine Antwort geben. Und diese Antwort sollte nicht einfach „Ja“ lauten.  Machen Sie ein „Nein“ draus. Oder lassen Sie die Figur das Ziel mit Einschränkungen erreichen („Ja, aber ...“). Oder machen Sie es noch schlimmer: Die Figur erreicht das Ziel nicht, und außerdem drohen weitere Probleme („Nein, und außerdem ...“). Eine Lösung mit einem „Ja“ darf es erst am Ende der Geschichte geben. Analysieren wir als Beispiel die erste Szene.

Den vollständigen Beitrag lesen Sie in der Ausgabe 4/2009.

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