Ausgaben 2007

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TextArt 01/2007

Leseprobe:

Komisches Schreiben

Wie Sie Ihre Texte mit Humor bereichern

Lino Wirag

„Auf Knopfdruck komisch sein? Kann man das?" Kann man. Wo kämen sonst die tagesaktuellen Witze her, die Harald Schmidt und Kollegen Abend für Abend vor dem Fernsehpublikum machen? Sie werden im Laufe des Tages von Gagschreibern erarbeitet, die solche Fernsehformate beliefern. Die meisten dieser professionellen Spaßmacher sind Quereinsteiger aus anderen Berufen, die irgendwann ihr Talent für komische Ideen entdeckt haben und sich dann das passende Handwerkszeug aneigneten.

Das Stichwort lautet „Handwerkszeug": Es gibt erlernbare Mittel, Komik zu erzeugen. Zwar existiert keine Geheimformel für gute Witze, wohl aber die Möglichkeit, sich ihnen behutsam zu nähern. Das bedeutet auch: Witze und humorvolle Texte können nicht nur Profis schreiben. Ob Sie eine autobiographische Anekdote zuspitzen, einer Kurzgeschichte einen satirischen Dreh verpassen oder dem Publikum ihres Theaterstücks ein paar Lacher entlocken wollen: Es gibt beinahe keine literarische Form, die nicht durch komische Elemente bereichert werden kann (von der Totenklage vielleicht einmal abgesehen ...).

Gemeinsamkeiten als Grundlage

Witze entstehen (und das ist das erste Zauberwort) aus Gemeinsamkeiten. Dinge, die etwas gemeinsam haben, gleichen sich in mindestens einem Punkt. Oftmals ist dieser eine Aspekt völlig ausreichend, um einen Witz daraus zu machen.
Ein Beispiel: Zwei Jäger im Wald. Plötzlich bricht der eine zusammen. Der andere ruft den Notarzt an: „Mein Freund ist tot, was soll ich tun?" Der Arzt: „Beruhigen Sie sich! Sind Sie sicher, dass er tot ist?" Kurze Pause, dann – ein Schuss. Der Jäger, wieder am Telefon: „Erledigt, was jetzt?"
Wie ist das gemacht? Wo finden sich hier Gemeinsamkeiten? Das, was der Arzt mit seiner Frage wissen wollte (nämlich: „Lebt ihr Freund vielleicht noch?") und das, was der Jäger (miss)versteht (nämlich: „Stellen Sie erst mal sicher, dass er nicht mehr zuckt."), ist grundverschieden (sonst wäre der Witz nicht komisch). Aber trotzdem sind beide Interpretationen aus der gleichen Frage („Sind Sie sicher, dass er tot ist?") hervorgegangen, die sie gemeinsam haben. Weil sie zwei Verständnisse einer Frage darstellen, weisen sie die Gemeinsamkeit auf, die den Witz überhaupt erst möglich macht.
Ein komisch Schreibender muss sich also auf die Suche nach Gemeinsamkeiten begeben, aus denen ein Witz entstehen kann. Dabei helfen ihm weitere Techniken. An eine gefundene Gemeinsamkeit schließt sich fast automatisch eine Ersetzung an – das zweite Zauberwort.
Und ein zweites Beispiel: „Bist du per Anhalter gekommen?" – „Wieso?" – „Du siehst so mitgenommen aus."
Bei diesem Wortwitz hat der Ausdruck „mitgenommen" verschiedene Bedeutungen, die trotzdem dasselbe Ausgangswort gemeinsam haben. Durch die Pointe des Witzes wird die eine, nahe liegendere Bedeutung (mitgenommen = erschöpft) durch die andere ersetzt (mitgenommen = transportiert). Das geht nur, weil wir vorher einen Hinweis darauf bekommen haben, wie wir das Wort „mitgenommen" in dem neuen Kontext zu verstehen haben. Auch beim Jägerwitz weiter oben wird ein Verständnis durch ein anderes ersetzt – mit fatalen Konsequenzen.
Der komisch Schreibende sucht also nach Gemeinsamkeiten, damit er etwas (eine Bedeutung, Eigenschaft, Figur etc.) durch etwas anderes ersetzen kann.

Die Technik des Austauschs

Eine simple Möglichkeit des Ersetzens ist der Austausch. Einer der ältesten Tricks der Komödie ist das Vertauschen von Gegenständen (ein „Schwertkampf" mit Besenstielen), Personen (Kleists Amphitryon) oder gar körperlichen Merkmalen (In dem Film „Big" spielt Tom Hanks einen Jungen, der im Körper eines Erwachsenen feststeckt). Probieren Sie es aus: Tauschen sie in einem Ihrer Texte einen Gegenstand oder eine Person auf originelle Weise aus, aber so, dass der „Ersatz" noch eine Gemeinsamkeit mit dem „Original" aufweist, so dass die Verwechslung verständlich wird. Beobachten Sie, welche komischen Konsequenzen sich daraus ergeben, wenn ein Ehemann statt seiner Gattin auf einmal die Queen neben sich im Bett vorfindet (Gemeinsamkeit: „Frau"), oder ein Matador entdeckt, dass ihm jemand statt seines roten Tuches die sowjetische Flagge untergejubelt hat (Gemeinsamkeit: „rote Farbe, rechteckiger Stoff").
Der komische Autor sucht also nach Gemeinsamkeiten, ersetzt ein Ding durch ein anderes oder tauscht zwei miteinander aus. Jede Übertreibung ist das Ersetzen von etwas „normalem" mit etwas „übertriebenem". Wichtig ist nur, dass die Ersetzung für den Leser nachvollziehbar bleibt. Ein Austausch, dem keine verständliche Gemeinsamkeit zugrunde liegt („Wilhelm Tell schießt seinen Sohn eine Uhr statt eines Apfels vom Kopf"), wird in der Regel nicht komisch gefunden.

Den vollständigen Beitrag lesen Sie in der Ausgabe 1/2007.

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