Ausgaben 2007

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TextArt 02/2007

Leseprobe:

Kampf dem Beiwort

Adjektive sind Freunde und Feinde

Stephan Waldscheidt

Eine Schreib-Grundregel lautet, Adjektiven immer zu misstrauen und die Adjektiv-Substantiv-Konstruktion durch ein plastischeres Substantiv zu ersetzen (siehe auch den Beitrag „Der Weg zum besseren Erzähltext" von Andreas Eschbach in dieser Ausgabe). Das leuchtet ein. Statt „schlechter Handwerker" „Stümper" zu schreiben, ist sicher plastischer. Aber stimmt das wirklich immer? Unser Autor Stephan Waldscheidt ist der Frage nachgegangen und liefert Ihnen Tipps für den richtigen Adjektivgebrauch.

Es gibt keine schlechten Adjektive, es gibt nur schlechte Autoren – wobei selbst dem besten Autor mal ein Adjektiv (auf Deutsch: Beiwort, Eigenschaftswort) misslingt. Und es gibt Puristen, die pauschal sagen: Autor, lass Adjektive einfach weg. Wie anderswo im Leben ist es auch beim Schreiben sinnvoll, Pauschalurteilen zu misstrauen. Täte man es nicht, käme als erster Satz dieses Textes Folgendes zustande: Es gibt keine Adjektive, es gibt nur Autoren. Zugegeben, dieser Satz gewinnt durch das Weglassen der Adjektive philosophische Tiefe, stilistisch bringt er uns jedoch einem gelungenen Text nicht näher.

Beispiel: Ein gelungener Text?

Dort fliegt ein schwerer Stein nach dem gesteckten Ziele
Von starker Hand beseelt, durch die zertrennte Luft;
Dort fliegt ein schnelles Blei in das entfernte Weiße,
hier rollt ein runder Ball in dem bestimmten Gleise
nach dem erwählten Zweck mit langen Sätzen fort.

„Kampf dem Beiwort!" nennt Ludwig Reiners ein ganzes Kapitel seiner bereits 1943 und bis heute prägenden Stillehre „Stilkunst – Ein Lehrbuch deutscher Prosa". Und geißelt sogleich den obigen Text des spätbarocken Dichters Albrecht von Haller: „Zehn Beiwörter und jedes unnötig wie ein Kropf! Alles Unnötige ist aber schädlich. Es verstößt gegen die Stilregel: schreibe knapp! Mehr noch: das unnötige Beiwort lenkt die Aufmerksamkeit ab vom Gang der Darstellung. Die Schlingpflanze Adjektiv nimmt dem Substantiv den klaren Umriss."
Warum aber kamen Adjektive zu ihrem schlechten Ruf, wieso nennt Stilschützer Wolf Schneider sie die am häufigsten überschätzte und am meisten missbrauchte Wortgattung?
Sie werden missbraucht, weil es so einfach ist, sie zu missbrauchen. Und sie werden überschätzt, weil sie den Anschein erwecken, Tiefe und Farbigkeit in einen Text zu bringen. Am zu großzügigen Einsatz von Adjektiven erkennt man häufig den Anfänger – oder den Schreiber von weniger anspruchsvollen Texten. Schund, Kitsch und Kolportage setzen auf Adjektive. Auf die falschen. An den falschen Stellen.

Sanfte Verführer

Adjektive sind verführerisch, besser und ohne Adjektiv gesagt: sie verführen uns zur Bequemlichkeit. Statt die Westentaschentöle zum Leben zu erwecken, stellen wir einfach einen kleinen Hund vor den Leser, statt Annemaries Kummer vors innere Leserauge zu führen, salbadern wir von herzzerreißendem Schmerz oder sogar von salzigen Tränen – was zu einer weiteren Gefahr bei der Adjektivnutzung überleitet: der doppelten Mopplung, oder, auch für Literaturwissenschaftler verständlich, des Pleonasmus. Traurige Berühmtheit hat der weiße Schimmel erlangt (Pferdenarren nicken, Brotesser wissen: es gibt auch grünen); gefährlicher sind weniger offensichtliche Dopplungen wie „schwere Verwüstungen" oder „lautes Getöse".
Auch der Pleonasmus verdeutlicht das Problem: Mit Adjektiven wird gerne übers Ziel hinausgeschrieben. Man will sicher sein, dass der Leser weiß, was man meint. Ganz sicher. Für den Text heißt das zu oft: todsicher.
Lebensgefährlich wird es für einen Text auch dann, wenn der Autor Adjektive gebiert, wie er sie vor allem aus der Sprache der Bürokraten und Politiker kennt – und Konstruktionen in die Welt presst wie „im militärischen Bereich" (statt „beim Militär") oder „integrative Tätigkeit" (statt „Integration"). Verunstalten lässt sich ein Text mit Missbildungen, die beinahe richtig klingen, wie dem „zehnjährigen Geburtstag" (statt zehnter Geburtstag) oder der „weihnachtlichen Vorfreude" (statt „Vorfreude auf Weihnachten", denn es ist ja nicht die Vorfreude, die weihnachtlich ist). Das Beste zum Schluss: falsche Superlative wie „die optimalste Vorbereitung" oder sinnlose wie „der markerschütterndste Schrei".

Den vollständigen Beitrag lesen Sie in der Ausgabe 2/2007.

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