Ausgaben 2006

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TextArt 01/2006

Leseprobe:

Verdichtet

Die Praxis der Lyrik

Von Markus Berger

„Dichtung hängt eng mit Rhetorik zusammen:
Dichtung ist hochgradig rhetorisierte Sprache mit intensiver Überzeugungsabsicht."
(Culler, Jonathan 2002: Literaturtheorie, Stuttgart. Reclam)

Ein eiserner Grundsatz – nicht nur innerhalb der Literatur – besagt jedoch, dass nur der, der sein Handwerk beherrscht, auch die Regeln brechen darf. Beziehen wir das beispielsweise auf die Musik. Wie auch die Musik, ist auch die Lehre von der Lyrik eine sehr weitgreifende. Wir unterscheiden immens viele Theoretika. Der Aufarbeitung aller dichterischen Modelle und Wege kann in einem einzigen Artikel dieser Art nicht sinnbringend entsprochen werden. Als wegweisendes Fundament einer Dichterkarriere kann es jedoch nicht schaden, diverse Strukturen und Formen zu kennen. Wenigstens wird im gleichen Zuge der Horizont erweitert. Ich werde also das Pferd nicht von hinten aufzäumen, sondern nach und nach in gegliedertem Aufbau die praktische und der heutigen Zeit angepasste Essenz der lyrischen Praxis verdeutlichen. Beginnen wir mit einem wirklich nur kurzen Exkurs zur Geschichte der Lyrik.

Was ist Lyrik?

Das Wort Lyrik findet seinen etymologischen Ursprung im griechischen lýra für Leier und beschreibt ursprünglich das Instrument der poetisierenden Minnesänger und Barden. Der lateinische Terminus lyricus bedeutet so viel wie „das Spiel der Lyra begleitend". Von daher ist die lyrische Kunst eng mit der Musik verwandt und entspringt dieser gar – „der allgemeine Charakter dieser Gattung wird also daher zu bestimmen sein, dass jedes lyrische Gedicht zum Singen bestimmt ist" (Völker, Ludwig 1990: Lyriktheorie. Texte vom Barock bis zur Gegenwart, Stuttgart. Reclam), was allerdings heutzutage etwas weiter gefasst werden muss.

Die explizite Literatur- und Dichtungsgattung Lyrik hat sich erst im achtzehnten Jahrhundert etabliert. Dabei werden die Begriffe Lyrik und Poesie meistens synonym angewandt.

Gedicht gleich Pflicht?

Wie verhält es sich nun mit den Pflichten eines Dichters? Hat der Lyriker überhaupt irgendwelche Pflichten einzuhalten? Nun, geistige sicher. Meint jedenfalls der Dichter und Lyriktheoretiker Theo Breuer: „Jeder, der sich dem Lyrikbetrieb zugehörig fühlt, muss (...) helfen, dass sich das Riesenrad der Lyrik weiterdreht" (Breuer, Theo 2001: Das weite Feld der Lyrik, in: Müller, Titus (Hg.) 2001. Gedichte schreiben und veröffentlichen, Berlin. Federwelt; Seiten 79–118).

Daneben gilt es natürlich auch diverse Form-Vorgaben zu kennen. Was ist das Metrum? Was ein Rhythmus? Was ist ein Vers und was eine Strophe? Den tiefer in die Materie vorgedrungenen Autoren drängen sich die Fragen auf: Was sind Trochäen, Jamben, Daktylen und dergleichen? Und: Muss ich als Dichter diese Begriffe überhaupt kennen? Nicht unbedingt. Aber Wissen ist immer von Vorteil. Gerade bei solchen Gedichten, welchen eine feste Form zu eigen ist, Sonette oder Oden etwa. Diese Gedichtformen unterliegen strengen Vorgaben in Bezug auf Zeilenlänge, Versform, Metrum, einzusetzender Silben und so weiter. Oder beim japanischen Haiku, einer dreizeiligen, durch Daoismus und Zen-Buddhismus evolutionierten Lyrikform oder auch beim irischen Limerick, der immer nach dem gleichen Schema in fünf Zeilen geschrieben wird.

Hier einige Beispiele für Sonett, Haiku und Limerick:

Sonett

Für das Verfassen eines Sonetts gibt es mehrere Formvorgaben, also nicht ausschließlich eine Möglichkeit. Ich gebe der Kürze halber an dieser Stelle nur einige Arten an, zum Beispiel jene, die auch Titus Müller in seinem großartigen Buch „Gedichte schreiben und veröffentlichen" anführt: „Das Versmaß sind fünf Jamben (...). [Das] Sonett hat 14 Zeilen, eingeteilt in zweimal vier und zweimal drei Zeilen. Die Reime sind angeordnet wie folgt: abba abba cde cde" (2001). Ein Jambus ist ein Versmaß mit der Betonung auf der letzten Silbe bzw. den letzten Silben (xx), zum Beispiel die Worte hinauf, hinab, weshalb, wieso und so weiter. Sonette können allerdings durchaus auch aus Trochäen (Gegenteil vom Jambus; Betonung xx) bestehen und nach anderen Reimschemata aufgebaut sein. Weitere Varianten sind:

abba – abba – cdc – dcd
abba – abba – ccd – eed
abba – abba – cde – cde
abba – abba – ccd – dee

Hier ein Trochäen-lastiger Sonett-Klassiker von August Wilhelm Schlegel:

Zwei Reime heiß ich viermal kehren wieder,
Und stelle sie, geteilt, in gleiche Reihen,
Daß hier und dort zwei eingefasst von zweien
Im Doppelchore schweben auf und nieder.

Dann schlingt des Gleichlauts Kette durch zwei Glieder
Sich freier wechselnd, jegliches von dreien.
In solcher Ordnung, solcher Zahl gedeihen
Die zartesten und stolzesten der Lieder.

Den werd ich nie mit meinen Zeilen kränzen,
Dem eitle Spielerei mein Wesen dünket,
Und Eigensinn die künstlichen Gesetze.

Doch, wem in mir geheimer Zauber winket,
Dem leih ich Hoheit, Füll in engen Grenzen,
Und reines Ebenmaß der Gegensätze.

Haiku

Ein Haiku besteht aus jeweils fünf, sieben und fünf Silben (5 – 7 – 5). Reime sind unerheblich und kommen meist überhaupt nicht zum Einsatz:

Dies sind fünf Silben.
Hier stehen derer sieben.
Ist dies ein Haiku?

Ein anderes Haiku:

Schneeweiße Decke
stoppt jäh den Verkehr oder
fördert denselben.

Limerick

Ein Limerick besteht immer aus fünf Zeilen. Diese werden wie das Haiku in Silben eingeteilt bzw. nach diesen gestaltet. Dabei besteht die erste und zweite Zeile aus acht, die dritte und vierte aus fünf und die letzte Zeile wieder aus acht Silben (8 – 8 – 5 – 5 – 8):

Die Lyrik ist nicht immer dick:
Man nimmt dünnen Text mit Geschick.
In nur fünf Zeilen
muss man ihn teilen:
Und schon ist es ein Limerick.

Doch nun, bevor ich mich den wichtigsten Punkten der eigentlichen poetologischen Handwerkskunst widme, kurz zu den obig erwähnten Begriffen wie Daktylus, Trochäus und so weiter. Ich möchte den geneigten Leser nicht im Regen stehen lassen. Es machte allerdings wenig Sinn, nun alle erwähnenswerten Fachbegriffe der Dichtung aufzulisten. Es fehlte einer solchen Übersicht der erläuternde Hintergrund. Stattdessen schlage ich das Folgende vor: Wer sich für ein kurzes aber repräsentatives Lyriklexikon interessiert, dafür aber weder Unsummen ausgeben, noch sich ein ganzes Buch anschaffen mag, kann sich entweder ganz kostenfrei per E-Mail oder aber gegen Rückporto auf dem Postwege ein gerafftes Mini-Wörterbuch der Lyrik in Skriptform bei mir bestellen ( Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!) Postanschrift über die Redaktion).

Den vollständigen Beitrag lesen Sie in der Ausgabe 1/2006.

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