Ausgaben 2006

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TextArt 02/2006

Leseprobe:

Konzentration, Geschick, Bescheidenheit

Wie professionalisiere ich mich als Schriftsteller/in?

Von Susanne Czuba-Konrad

Nicht nur das Können, das Wünschen und das Träumen gehören zu einem Leben als Schriftsteller. Vieles hängt auch an der richtigen Einstellung ? gegenüber seinem Werk, sich selbst, Verlagen und anderen Autoren. Susanne Czuba-Konrad hat sich Gedanken zu einem zeitgemäßen Selbstverständnis gemacht.

Autoren mit Renommiersucht habe ich noch nie gemocht. Ist ein Schriftsteller wirklich jemand ? Besseres ?? Gute Texte schreiben zu können, ist eine schöne Gabe. Doch in der Mehrzahl der Lebenssituationen sind andere Talente gefordert. Schafft man es, morgens pünktlich zur Arbeit zu erscheinen oder nach längerer Arbeitslosigkeit wieder einen Job zu finden? Gelingt es einem, den Haushalt in Ordnung zu halten? Hat man seine Finanzen unter Kontrolle? Können Sie Ihre Reifen selber wechseln oder möchten Sie überhaupt mal den Führerschein machen? Werden Sie Ihren Kindern, Ihren Eltern, dem Partner oder Ihren Freunden gerecht? Und wenn Sie Gäste haben, können Sie sie ordentlich mit selbst Gebackenem und Gekochtem bewirten? Gute Texte schreiben zu können, ist eine wertvolle Kulturtechnik, aber die Anzahl der Lebensbereiche, in denen man gerade diese Kulturtechnik nicht unbedingt braucht, ist außerordentlich groß.

Konzentration

Schreiben Sie trotzdem ? ohne Ihre anderen Aufgaben zu vergessen. Von Jugend an mit dem Wunsch ausgestattet, Schriftstellerin zu werden, machte ich zuerst die bedrückende Erfahrung, dass das Interesse anderer an meinen Texten wesentlich geringer war als mein eigenes. Später wurde ich durch verschiedene Lebensumstände vom Schreiben abgehalten und musste mich stattdessen um grundlegende Fragen der Alltagsbewältigung kümmern. Dann kam mein Kind: Was eine Mutter alles beachten muss, kann komplexer sein als das Anforderungsprofil einer Schriftstellerin. Und dazu einer unbekannten. Denn eine unbekannte Schriftstellerin steht zudem vor der Aufgabe, dass sie ihr literarisches Werk aus sich heraus erschaffen muss, weil sie von keinem Verleger, keinem Veranstalter zum Schreiben angehalten wird. Trotzdem habe ich weitergemacht.

Wie erhält man sich unter solchen Bedingungen Freiraum?

Mit guter Zeitplanung, und diese erfordert Konzentration sowie Geschick. Aber das ist für mich nicht alles, es geht auch um die Bewertung meines Tuns. So fragte ich mich, was trieb mich denn, obwohl ich so geringe Resonanz erfuhr, trotzdem zum Schreiben an? Eine Tür ging auf, und eine Fülle von Bereichen trat zutage, die für mich das Schreiben als solches wertvoll machen: Es hilft, traumatische Erfahrungen zu bewältigen und Probleme geistig in den Griff zu kriegen. Es ist reizvoll, in eine Erzählung hineinzugehen und zu versuchen, konsistente Figuren zu erschaffen. Besonders fasziniert mich die emotionale Kurve: Schaffe ich es, die Atmosphäre in meinen Texten so zu entwickeln, dass sie sich z. B. vom Bedrückenden zum Hoffnungsvollen wandelt? Vor allem: Kriege ich das sprachlich und erzählerisch hin, dass die Gefühle, die ich in den Text hineinstecke, auch aus dem Text wieder herauskommen? Gelingt mir das, so kann ich auch den Leser mit meinem Buch erreichen. Auch, wenn ich zwei Jahre daran geschrieben habe und er es in nur drei Stunden liest. Und nicht zuletzt: Es ist einfach eine Freude, mit Sprache gestalterisch umzugehen. Schreiben schult den Geist und die Emotionen.
All diese Argumente und noch weitere überzeugten mich, dass es sich in jedem Fall lohnt, mit dem Schreiben weiterzumachen. Also: Konzentration bedeutet, sich Freiräume zu suchen, wo man schreiben kann, ohne seine anderen Aufgaben aus dem Auge zu verlieren. Verlangen Sie nicht zu viel, wenn Ihre Kräfte am Ende sind oder für anderes gefordert werden. Wichtig ist die Rücksicht auf den eigenen Biorhythmus. Zu welcher Tageszeit kann ich am besten schreiben? So etwas muss jeder für sich selbst herausfinden.

Geschick

Der Wunsch, für seine Arbeiten Anerkennung zu finden, gehört doch auch dazu! Schriftsteller ist keiner, der nur schreibt, sondern einer, der auch gehört und gelesen wird. Einen Verlag finden, eine Lesung machen, Zuhörer begeistern, Auszeichnungen bekommen, das gehört alles dazu. Denn man hat auch eine Würde als Autor, einen gewissen Stolz. Für viele steht die persönliche Autorwürde, die man in sich fühlt, in krassem Gegensatz zu der Rolle, die man für andere spielt. Und nicht in jedem Lebenskontext hat das Schreiben was zu suchen. Das ist wieder der Punkt vom Anfang: Es gibt keinen Grund, sich aufzublähen. Es muss nicht einmal jeder wissen, dass man schreibt. Man riskiert mehr Verletzungen als Triumphe, wenn man sich am falschen Ort „outet".
Die Konsequenz: Finden Sie die richtigen Orte. Das erfordert Geschick. Und Bescheidenheit. Denn die ?richtigen Orte? sind nicht gleich die Spiegel-Bestsellerliste oder der Renommierverlag. Richtige Orte sind aber dort, wo Literaturproduktion gefragt ist: Zum Beispiel die Schreibwerkstatt, in der Schreibkontexte geschaffen werden, die für alle in der Gruppe gelten, und die somit auch ein verstärktes Interesse an den produzierten Texten stiften. Oder der Poetry-Slam, wo zum Text die Inszenierung und der mündliche Vortrag sowie der Wettbewerbscharakter hinzukommen. Richtige Orte können auch inhaltlich bestimmt sein: Hat man zu einem Thema geschrieben, das eine bestimmte Zielgruppe interessiert, trifft man dort gewiss auf offene Ohren.
Aber man darf eben nicht gleich nach den Sternen greifen. Vielleicht ist es nicht der Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb, auf dem man seine Texte vorträgt, sondern der Literaturkreis vor Ort.
Heute sollte man sich mehr denn je darüber im Klaren sein, dass die Menschen, die gern lesen und sich für Literatur interessieren, meistens dieselben sind, die auch selber schreiben. Deren Schubladen sind genauso voller Texte wie Ihre oder meine. Eine wichtige literarische Tugend ist also, sich auch für die Texte der anderen zu interessieren und ihnen die eigenen nicht aufzudrängen. Interessen, Vorlieben und Fachgebiete der Menschen sind weit verzweigt, und wenn sich der eine für meinen Text brennend interessiert, kann dasselbe Werk für den anderen todlangweilig sein. Also überlege ich mir: Für wen könnte das, was ich mache, von Interesse sein? Und ich versuche mir auch die Freiheit zu nehmen, die Texte von anderen zu lesen, weil sie mich interessieren ? ohne den Hintergedanken, ihnen dann auch meine Arbeiten zu geben.
So ist es auch beim Umgang mit Geld. Man sollte nicht in jedem Fall ein Honorar erzwingen. Mindesthonorare für Lesungen sind zwar erstrebenswert, aber nicht realistisch. Denn der Marktwert meines Textes, der für mich selbst von außerordentlicher Brisanz ist, kann in einem Zeitalter, wo es jährlich 90.000 Neuerscheinungen in Deutschland gibt, gegen null tendieren. Das hängt auch von meinem Marktwert als Autorin ab. Er kann ebenfalls sehr gering sein, auch wenn ich als Mensch sehr kostbar bin.
Es ist zu überlegen: Wann verlange ich ein Honorar, und wann entspricht ein ehrenamtliches Engagement eher meiner Marktwertrealität, wenn ich aber so ein Publikum erreiche, das sonst nicht gekommen wäre? Umgekehrt: Wann versuche ich einen anderen Künstler zur kostenlosen Mitarbeit zu überreden und wann erteile ich z.B. einem Musiker den bezahlten Auftrag, meine Lesung mit mir zu gestalten? Das hat auch mit Respekt zu tun. Übrigens: Wem will ich mein Buch verkaufen? Wem schenke ich es lieber? Oder wen verschone ich ganz damit? Aber: Druckkostenzuschussverlagen oder Herausgebern kostenpflichtiger Anthologien bitte keinen Cent in den Rachen schieben! Denn damit verspielt man seine Chancen für eine seriöse Autorenkarriere.

Womit das nächste Thema kommt: Sehr "richtige Orte" bleiben Wettbewerbe und Literaturzeitschriften, denn dies sind die Institutionen, die der Literaturbetrieb bereitstellt. Und wenn man schreibt und sich in literarischen Szenen bewegen möchte, ist es kein Fehler, sich mit ihnen zu befassen. Auch hier ist Geschick erforderlich, genauso wie gegenüber Arbeitgebern oder Verhandlungspartnern, denen man zunächst als Bewerbender, als Antragsteller entgegentritt. Es bedeutet, dem anderen nichts aufzudrängen, was er nicht möchte. Ist ein Wettbewerb zu einem bestimmten Thema ausgeschrieben, sollte man dies beherzigen. Die Einhaltung der Ausschreibungsregeln zeigt, dass man sein Gegenüber ernst nimmt. Genauso ist es bei Zeitschriften. Soll man keine unangeforderten Texte hinschicken, lässt man es sein. Lieber anrufen: Ein selbstbewusster Redakteur sagt schon, was er haben will. Und wenn er keinen Text gebrauchen kann, hat man Arbeit und Papier gespart, wenn man ihm auch nichts geschickt hat, was er nicht möchte.
Man sollte möglichst immer mindestens eine Nacht über das schlafen, was man anbieten will! Nicht das in der Hitze der Leidenschaft entstandene Projekt gleich losschicken, weil die Ausschreibungsfrist morgen abläuft. Lieber ein bisschen eher schreiben, liegen lassen, mit Distanz noch mal lesen und dann mit einem schönen Anschreiben versehen.
An Türen zu klopfen und neue Kontakte zu finden, ist oft schwer. Ein guter Weg ist immer wieder, auf bestehenden Kontakten aufzubauen. Sich zu überlegen: Mit wem arbeite ich bereits im literarischen Bereich zusammen? Was kann ich von diesen Personen verlangen, was vielleicht auch nicht? Frage ich lieber Person A oder Person B? Oder verzichte ich ganz, obwohl ich mir vielleicht was erhoffen würde, aber im Moment keine Handlungsmöglichkeit sehe? Auf den vorhandenen Kontakten kann man aufbauen und das Netzwerk behutsam immer weiter verzweigen.
Zum Geschick gehört für mich aber auch die psychische Balance, die Gerechtigkeit gegenüber mir selbst: Wie viele Absagen oder Manuskriptretournierungen halte ich aus? Und wenn mir das zu weh tut, verzichte ich auf die Rundumzusendung meines Romans an alle deutschsprachigen Publikumsverlage oder an Agenturen, bei denen schon auf der Homepage steht, dass sie keine Debütanten nehmen.

Bescheidenheit

Bei manchen Schreibenden habe ich den Eindruck, sie schleppen einen immensen Ballast mit sich herum. Mit großem Einsatz haben sie ein Werk hervorgebracht, und nun soll sich die ganze Welt nach ihnen umdrehen und sie dafür loben oder gar auf ein Podest setzen. Aber das passiert nicht.
Man sollte sich klar sein, dass man als Schriftsteller zunächst nichts Größeres ist als vielleicht als Kollege im Betrieb oder als Vereinsmitglied: Man muss sich einordnen, in einem Sozialgefüge überschaubarer Größe bestehen, und wenn man Glück hat, steigt man vielleicht ein wenig auf.
Auch wenn man nicht überall dabei sein kann oder zu bestimmten Kreisen keinen Zugang hat, weil sich die Mitglieder auf einer höheren hierarchischen Ebene im Literaturbetrieb bewegen, sollte man die Kreise, zu denen man Zugang hat, schätzen. Es ist ja auch nicht jeder, der in einer Firma tätig ist, als Geschäftsführer dort. Von einem Schriftsteller wird oft „Größe" verlangt. Aber man kann auch gut sein, ohne zu den Größten zu gehören.
Wie ist der Umgang mit dem eigenen Mittelmaß? Oft, wenn ich bei hoch begabten SchriftstellerInnen in der Lesung sitze, wird mir klar: An diese sprachliche Präzision komme ich nicht heran. Diese umfassenden Literatur-, Geschichts- oder Politikkenntnisse habe ich nicht. So stringent und bruchlos kann ich meine Erzählungen nicht gestalten, so erlesen ist meine Wortwahl nicht.
Aber deshalb mit dem Schreiben aufhören? Steht das gegen die Freude und Leidenschaft, an einem Text zu arbeiten? Gegen das Lob der Menschen, die mein Buch gut finden und meine Begabung anerkennen? Möchte ich mich als Schriftstellerin abwerten, nur weil es noch bessere Schriftstellerinnen gibt?
Nein, nicht aufgeben. Man kann ja auch immer noch etwas dazulernen und sich weiterentwickeln. Wer schreibt und sich zugleich bescheiden und selbstbewusst im Literaturbetrieb professionalisiert, dem kann sich eine faszinierende Welt eröffnen.

Den vollständigen Beitrag lesen Sie in der Ausgabe 2/2006.

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