Ausgaben 2006

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TextArt 03/2006

Leseprobe:

Konkrete, stimmige Details

Wie eine Geschichte für den Leser zur Realität wird

Von Titus Müller

Die besten Bücher bringen mich zum Weinen. Ich klappe sie am Ende zu und weiß, dass ich nicht mehr derselbe bin. Wie kommt man als Autor so nah an den Leser heran? Wie erreicht man, dass er vergisst, dass er ein Buch liest, wie erreicht man, dass er völlig in der Geschichte versinkt? Der Leser muss seine Zweifel ablegen. Er muss anfangen zu träumen. Dann liest er keine Geschichte mehr, die ein anderer erfunden hat, sondern er erlebt eine neue Realität.

Gerade dann, wenn eine absurde, unglaubliche Geschichte erzählt werden soll, ist es notwendig, realistische Details als deren Vehikel zu gebrauchen, um den Leser in einen funktionierenden Traum hineinzuziehen. John Irving sagte in einem Interview mit dem „Spiegel": „Dieser Regel versuche auch ich beim Schreiben zu folgen: Wenn ein Ereignis extrem und übertrieben ist, muss die Schilderung besonders realistisch sein."
Warum funktionieren Geschichten, die von fliegenden Schweinen erzählen, von Zeitreisemaschinen, von Menschen, die sich am Morgen in ein riesiges Insekt verwandelt wiederfinden? Sie verknüpfen geschickt die unglaubwürdigen Einzelheiten mit Alltäglichem. Darum lassen sich die Leser auf das Spiel ein und vergessen bald, dass sie sich vorgenommen hatten, es als ein Spiel zu betrachten.
Wenn ich von fliegenden Schweinen erzählen will, muss der Stall stinken, der Mann, der ihn ausmistet, muss schwitzen, die Schweine müssen gewöhnliche Kartoffelschalen fressen und es müssen Schmeißfliegen herumsurren.

Die Regel lautet also:

Je unrealistischer die Geschichte, desto wirklichkeitsgetreuere Details sind notwendig.
Was könnte unrealistischer sein als eine Geschichte, in der Enten und Mäuse aufrecht gehen und sprechen? Marco Rota, einer der berühmtesten Disney-Zeichner, erklärte seine Arbeitsweise einmal so: „Ein Detail ist besonders wichtig: die Verpflichtung, immer eine Anmutung von Realismus aufrechtzuerhalten, die die Charaktere und Geschichten irgendwie mit dem normalen täglichen Leben verbinden muss."
Tracy Chevalier, die mit ihrem Roman „Das Mädchen mit dem Perlenohrring" weltweite Erfolge feierte, sagte in einem Interview:
„Eine Leserin erzählte mir kürzlich, dass sie es liebe, wie Griet im ‚Mädchen' ihre Kappe in Kartoffelschalen kocht, um sie zu stärken. Das hat mich gefreut, weil ich einige Zeit damit zugebracht habe, das herauszufinden. Diese kleinen historischen Details sind deshalb so wichtig, weil sie einem Buch Wahrscheinlichkeit verschaffen. Wenn ich diese Dinge richtig mache, vertraut mir der Leser auch in den größeren Fragen."
Konkrete, stimmige Details stellen Überzeugungskraft her. Hier darf natürlich nicht übertrieben werden. Eine mit belanglosen Details überladene Geschichte führt sich selbst ad absurdum. Zu schreiben heißt, Schwerpunkte zu setzen. Es bedeutet, zu entscheiden, was wesentlich für eine Geschichte ist und was nicht. Beim Wichtigen allerdings lohnt es sich, konkret zu sein.
Gerade die Höhepunkte der Geschichte werden so für die Leser mit allen Sinnen erlebbar. Sie riechen, schmecken, hören. Das geht nur, wenn die Dinge konkret benannt werden. Eine Bulldogge sehen sie klarer vor sich als einen Hund. Einen Früchtetee schmeckt der Leser, einen Tee nimmt er nur als abstraktes Ding wahr.

Im Roman „Die Brillenmacherin" gibt es ein Festmahl bei Erzbischof Courtenay. Als ich dabei war, die Szene zu schreiben, fiel mir auf, dass die Gerichte nicht dufteten, und dass man sie nicht schmeckte – weil ich ungenau war. Ich musste in Erfahrung bringen, was man damals gegessen hat. Nebenbei habe ich auch noch die Tischsitten recherchiert, und heute gehört die Passage zu den besten des Romans. Ich lese sie bei jeder Gelegenheit vor. Genau zu sein, zahlt sich aus. Ein Leser kann Zimt, Kardamom und Pfeffer schmecken. Fischotterstreifen und Dachsrücken interessieren ihn. Ein bloßer „Braten" ist langweilig.
Befragt danach, ob er glaube, dass die Leser die technischen Details in seinen Romanen überhaupt verstehen, antwortete Tom Clancy („Jagd auf Roter Oktober"): „Ich denke, es ist notwendig, die Werkzeuge zu beschreiben, die meine Romanfiguren verwenden, um meiner Arbeit Wahrscheinlichkeit zu verleihen. Das ist der Grund, weshalb ich sie erwähne. Sie tragen zum Gewebe bei, das der Geschichte Fülle und Glaubwürdigkeit verschafft."
Romane lügen. Aber sie müssen dabei glaubwürdig erscheinen. Um die Leser in einen funktionierenden Traum hineinzuziehen, muss die Illusion erzeugt werden, das Berichtete sei akkurat recherchiert und wahr. Macht der Autor hierbei Fehler, und der Leser bemerkt sie, erwacht der Leser vorzeitig aus seinem Traum und findet schwer wieder in die Geschichte zurück.

Für „Die Brillenmacherin" habe ich viel recherchiert. Ich bin nach England gefahren, habe mit den Nachkommen meiner Protagonisten geredet, habe zweiunddreißig Bücher zu Rate gezogen. Ich habe ein Kettenhemd getragen, mit einem Schwert gekämpft und habe Reitunterricht genommen. Und doch: Für mindestens einen meiner Leser hat die Geschichte nicht funktioniert. Er kam nach einer Lesung zu mir und sagte, er sei Bogenschütze, und so, wie mein Protagonist Alan den Langbogen verwende, würde er nie und nimmer ein weit entferntes Ziel treffen. Man hält nicht den Bogen fest und zieht die Sehne zu sich, erklärte er, sondern man hält die Sehne neben das Gesicht und schiebt den Bogen von sich. Sonst zittert die Hand zu sehr.
Ein Mann wie dieser Bogenschütze nimmt den Roman fortan als Roman wahr. Er träumt nicht. Er hält Ausschau nach weiteren Fehlern und ist sich darüber bewusst, dass ich ihm nur eine Geschichte erzähle.
Falsche Details können also den Traum abrupt beenden. Trotzdem, auch wenn Details eine „heiße Ware" sind, kann ein Autor nicht auf sie verzichten. Sie sind das entscheidende Mittel, um einer Geschichte Glaubwürdigkeit zu verleihen und den Leser zu hypnotisieren.

Den vollständigen Beitrag lesen Sie in der Ausgabe 3/2006.

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