Ausgaben 2006

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TextArt 04/2006

Leseprobe:

Die Sicht der Dinge ist entscheidend

So nutzen Sie Erzählperspektiven

Axel Klingenberg

Wenn man erfolgreich schreiben will, reichen Spannung, passende Wortwahl und raffinierte Figurenentwicklung nicht aus. Beim Erzählen kommt es ganz besonders auf die Beherrschung der Perspektive an. Lektoren berichten immer wieder, dass gerade Erstautoren auf diesem Gebiet Schwierigkeiten haben. Der Autor Axel Klingenberg erklärt Ihnen, worauf es ankommt.

Stellen Sie sich vor, dass Sie sich mit Ihrem Lebensgefährten oder Ihrer Lebensgefährtin eine Wohnung anschauen, die Sie eventuell mieten möchten. Nun gehen Sie nach Hause und erzählen anderen Leuten (Freunden, Verwandten, jetzigen Nachbarn) von dieser Wohnung. Sie beschreiben vielleicht das Viertel oder die Straße („überall Hundekot", „viel Lärm"), in dem sich das Haus („Fassade blättert ab", „feuchtes Treppenhaus") befindet, und schließlich die Wohnung selbst („dunkel", „verbaut"). Ihr Partner erzählt zur gleichen Zeit anderen Leuten von dieser Wohnung – und diese bekommen einen ganz anderen Eindruck: „viele Hunde, überhaupt viel Leben auf der Straße", „so ein schönes altes Haus", „gemütliche Wohnung", „originelle Aufteilung".
Wenn Sie nun einen befreundeten Architekten zu Rate ziehen, wird der Sie noch auf ganz andere Dinge aufmerksam machen bzw. andere Wertungen einbringen: „Das ist ein schönes Haus aus der Jahrhundertwende, sogar die Jugendstil-Fassade ist noch erhalten. Müsste allerdings dringend saniert werden, auch wenn die Bausubstanz noch nicht beschädigt ist." Und wenn Sie den Makler fragen, wird er Sie mit Sicherheit auf die positiven Sachverhalte aufmerksam machen und die negativen weglassen bzw. sie sogleich einschränken: „Das ist zwar derzeit noch etwas ... wie soll ich sagen ... unaufgeräumt hier auf der Straße, aber es ist auch ein Sanierungsgebiet, das in den nächsten Jahren aufgewertet wird."
Wenn Sie nun ein offizielles Gutachten einholen, wird der Tonfall wiederum ein deutlich anderer sein – betont sachlich und objektiv – und wenn Sie einen Elektriker fragen, wird der Ihnen zusätzlich noch etwas über die Elektroinstallationen erzählen, wie die Leitungen verlegt sind, wird vielleicht bemerken, dass es für die heutige Zeit relativ wenig Steckdosen gibt und die Kabel auch nicht ausschließlich waagerecht und senkrecht am Rand verlegt sind, sondern diagonal bzw. in seinen Worten „kreuz und quer". Und wie sähe denn die Beschreibung dieser Wohnung durch ein 6-jähriges Kind aus? Und was erfährt man aus einem Flugzeug heraus über diese Wohnung? Richtig: Man sieht „nur" das Haus, die Straße, die Stadt. Es ist eben immer eine Frage der Perspektive! Jeder Mensch, der diese Wohnung beschreibt, wird andere Worte dafür finden, denn er hat einen anderen Eindruck davon, ihm sind andere Fakten wichtig bzw. er möchte andere Informationen in den Vordergrund rücken. Jeder dieser Menschen hat eine andere Erzählerstimme. Jeder von ihnen wird also nicht nur unterschiedliche Informationen und Fakten weitergeben, sondern wird auch unterschiedliche Formulierungen, eine andere Ausdrucksweise verwenden.

Die Stimme entscheidet

So ist es auch bei literarischen Texten. Die Beschreibung eines Mordes in einem Krimi wird ganz unterschiedlich ausfallen – je nachdem, ob er aus der Sicht des Mörders, eines Zeugen, des Gerichtsmediziners, des ermittelnden Beamten oder gar des Opfers geschildert wird. Jeder geschriebene Text besitzt nur eine einzige Erzählerstimme – vielleicht hilft es Ihnen deshalb, sich diese als eine Person vorzustellen. Während des Textes die Stimme zu wechseln, verwirrt den Leser und ist strikt untersagt! Es sei denn – zu jeder Regel gibt es auch die Ausnahme – Sie schreiben z.B. einen Roman, dessen Kapitel abwechselnd von unterschiedlichen Personen erzählt werden.
Irving Welsh hat dies z.B. in „Trainspotting" gemacht und jedem seiner Ich-Erzähler eine ganz besondere, von den anderen zu unterscheidende Stimme verliehen. Die erste Entscheidung, die Sie bezüglich Ihrer Erzählerstimme treffen müssen, ist die Erzählperspektive. Sie ist der Standort des Erzählers, mit dessen Augen das Geschehen und die handelnden Figuren gesehen werden. Grammatikalisch ist das ganz einfach, denn es gibt nur zwei:
Ich (1. Person) und Er (3. Person).
Ich: „Dann wurde uns die Wohnung aufgeschlossen." Er (bzw. Sie oder Es): „Dann wurde den beiden die Wohnung aufgeschlossen."
Theoretisch ist auch noch die Du-Form möglich („Dann wurde dir die Wohnung aufgeschlossen."), und tatsächlich gibt es auch Bücher, die so geschrieben sind, allerdings ist das sehr ungebräuchlich, denn es wirkt sehr künstlich.
Doch wann benutzt man welche Form? Zumal es – wie ich gleich zeigen werde – auch innerhalb der grammatikalischen Form noch Unterschiede gibt!
Grundsätzlich gilt, dass jede Geschichte theoretisch aus jeder Perspektive heraus erzählt werden kann. Doch ist die gewählte Perspektive entscheidend sowohl für die Dramaturgie als auch für die Atmosphäre der Geschichte. Denn: Der Autor bestimmt mit Hilfe der Perspektive, wie viel der Leser zu welchem Zeitpunkt wissen kann, darf oder soll!
Schauen wir uns die Möglichkeiten nun im Einzelnen an.

Der allwissende (oder auktoriale) Erzähler

Er kann in die Köpfe aller Charaktere blicken (muss dies jedoch nicht) und aus deren Sicht berichten. Achtung: Ein allwissender Erzähler kann leicht ironisch wirken.
„Dies Buch berichtet von einem ehemaligen Zement- und Transportarbeiter Franz Biberkopf in Berlin. Er ist aus dem Gefängnis, wo er wegen älterer Vorfälle saß, entlassen und steht nun in Berlin und will anständig sein.
Das gelingt ihm anfangs. Dann aber wird er, obwohl es ihm wirtschaftlich leidlich geht, in einen regelrechten Kampf verwickelt mit etwas, das von außen kommt, das unberechenbar ist und wie ein Schicksal aussieht. (...)
Damit ist unser guter Mann, der sich bis zuletzt stramm gehalten hat, zur Strecke gebracht. Er gibt die Partie verloren, er weiß nicht weiter und scheint erledigt.
Bevor er aber ein radikales Ende mit sich macht, wird ihm auf eine Weise, die ich hier nicht bezeichne, der Star gestochen. Es wird ihm aufs deutlichste klargemacht, woran alles lag. Und zwar an ihm selbst, man sieht es schon, an seinem Lebensplan, der wie nichts aussah, aber jetzt plötzlich ganz anders aussieht, nicht einfach und fast selbstverständlich, sondern hochmütig und ahnungslos, frech, dabei feige und voller Schwäche. (...)"
(Alfred Döblin: Berlin Alexanderplatz)
Döblins allwissender Erzähler kennt nicht nur den Ausgang der Geschichte, sondern klärt schon am Anfang auch den Leser über deren Ende auf. Dabei spricht er von „ich" und bezieht den Leser mit ein, indem er von Franz Biberkopf als „unser(em) Mann" spricht. Und nicht zuletzt wertet er und spricht von einem „Lebensplan", der „hochmütig und ahnungslos, frech, dabei feige und voller Schwäche" gewesen sei. Der allwissende Erzähler steht also über dem Geschehen, bewegt sich von einem Ort zum anderen, weiß alles über seine Figuren und hat auch eine Meinung über sie. Das Problem dabei ist, dass diese Art der Erzählung zwischen Erzähler und Leser eine große Distanz aufbaut, es besteht die Gefahr, zu viele beschreibende Passagen in den Text einzubauen und zu wenig Szenen. Der Leser möchte mitfühlen mit den Figuren der Geschichte. Ja, mehr noch: Er möchte diese Geschichte selbst erleben! Deshalb wird der allwissende Erzähler in der heutigen Literatur nur noch selten benutzt.

Den vollständigen Beitrag lesen Sie in der Ausgabe 4/2006.

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