Ausgaben 2005

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TextArt 02/2005

Leseprobe:

„Poetisches Notizbuch"

Neue Formen des Tagebuchschreibens

Von Rosemarie Meier-Dell'Olivo

„Schreiben Sie Tagebuch?", frage ich jeweils meine Kursteilnehmenden. „Früher ja, aber nur solange ich ein Problem hatte, das ich loswerden musste. Sobald es mir wieder gut ging, legte ich das Tagebuch beiseite", hörte ich oft als Antwort.
Geht es Ihnen auch so? Oder gehören Sie zu den regelmäßig Schreibenden; zu denen, die ihre täglichen Erlebnisse und Empfindungen aufschreiben, ja aufschreiben müssen, genau so wie das ganz selbstverständliche abendliche Zähnereinigen? Wie dem auch sei, ob Sie viel, wenig oder gar nicht schreiben – manchmal fehlen einfach Anregungen, damit der Impuls zu schreiben zu einem Bedürfnis umgesetzt werden und aus diesem Bedürfnis heraus Lust und Freude wachsen kann. Wie Sie zu diesem Schritt kommen, verrate ich Ihnen gerne.

Der erste Schritt:
Kauf eines Tagebuches Kaufen Sie sich kein teures Buch, wenn Sie unsicher sind, wie Sie Ihr Buch gestalten wollen oder wenn Sie ein Perfektionist sind und durchgestrichene Sätze Ihnen wehtun. Ein einfaches Heft tut ebenso seine Dienste. Ein einfaches Heft kann durch Ihre schöpferische Tätigkeit zu einem wertvollen „Buch" werden. Ich verwende Ringhefte im A4-Format, weil ich meine Einträge zwischendurch immer wieder auf dem PC schreibe, sie farbig ausdrucke und ins Heft klebe. Zudem kopiere ich viele fremde Texte, markiere einzelne Gedanken und verwebe sie dann zusammen mit meinen eigenen Gedanken. Diese Blätter benötigen Platz. Deshalb ist für mich ein Ringheft oder -buch wichtig.

Disziplin beim Schreiben
Schreiben kann lustvoll und zugleich Schwerarbeit sein. Das Tagebuchschreiben jedoch sollte Ihnen Freude bereiten. Nirgendwo sind Sie schreiberisch so frei wie beim Tagebuchschreiben. Sie müssen stilistisch nicht glänzen, und von Abgabeterminen werden Sie auch nicht geplagt. Sie können das Tagebuchschreiben als Übung betrachten, um im Fluss zu bleiben, oder Sie schreiben vorwiegend deshalb, weil Sie spüren, dass das Schreiben Ihnen gut tut. Oder beides. Wichtig dünkt mich, dass Sie nachspüren, wenn Sie einen Text geschrieben haben, wie Sie sich fühlen. Freies Schreiben ist immer schöpferisch und hinterlässt Gefühle. Aus diesen hoffentlich positiven Gefühlen heraus (auch wenn Sie etwas Trauriges schreiben) schöpfen Sie Kraft, um dranzubleiben.
Das Tagebuchschreiben kann vom Namen her so verstanden werden, dass Sie an sich die Erwartung stellen, täglich schreiben zu müssen. Vielleicht sollten Sie sich eher sagen: „Heute schreibe ich wieder einmal in mein poetisches Notizbuch." Klingt das nicht viel freier? Trotzdem sollten Sie versuchen, auch wenn Sie nicht täglich Seiten füllen, dranzubleiben, vor allem dann, wenn Sie das Schreiben als Übung betrachten. Damit das gelingt, schlage ich Ihnen das themenzentrierte Schreiben vor. Da haben Sie eine Riesenauswahl zur Verfügung – das Schreiben wird nie langweilig. Vor allem kommen Sie, wenn Sie das möchten, von den Alltäglichkeiten weg. Vielleicht sind Sie es leid, ständig Ihre Probleme aufzuschreiben nur um festzustellen, dass Sie sich im Kreis herumdrehen. Selbstverständlich hat das Aufschreiben von Problemen im Tagebuch Platz, nur sollte dies meiner Ansicht nach nicht ausschließlich geschehen.

Das Buch der Wörter
Jedes Wort, das Ihnen entgegenfliegt, können Sie aufschnappen, eine erlebte oder fiktive oder Mischgeschichte daraus machen oder eine Betrachtung, und wenn Sie mögen, auch ein Gedicht – einfach assoziativ aufschreiben, was das Wort bei Ihnen auslöst.
Da wir jedoch täglich mit Tausenden von Wörtern umgeben sind, schlage ich vor, sich ein Wort, zum Beispiel von einem Kind, schenken zu lassen. So wird Schreiben spielerisch. Schenke ich mir jedoch ein Wort selber, würde ich mir überlegen, welches Wort heute zu mir ganz besonders passt. Vielleicht bleibt es dann bei diesem einen Wort, indem ich dieses Wort in mein Heft male, oder ich schreibe wie oben erwähnt eine Geschichte, eine Betrachtung oder ein Gedicht.
Eine weitere Möglichkeit, Wörter als Ausgangspunkt für mein Schreiben zu nehmen, ist, das ABC untereinander zu notieren. Dann gebe ich mir ein Thema. Das könnte beispielsweise „Meine Kindheit" sein. Spontan und schnell schreibe ich zu jedem Buchstaben des Alphabets ein Wort hin, das zu meiner Kindheit passt. Es gibt wiederum Tausende von Wörtern zu diesem Thema. Spannend ist, festzustellen, welche Wörter mir in drei Minuten einfallen. Dann picke ich aus diesen 25 Wörtern des Alphabets eines heraus und schreibe eine kleine fragmentarische Geschichte aus meiner Kindheit, in der dieses gewählte Wort eine Wichtigkeit hat.

Das Buch der Bilder
Sammeln Sie Kunstpostkarten, fotografieren Sie? Gehören Sie zu den Menschen, die vor allem visuell wahrnehmen? Dann kleben Sie Bilder in Ihr poetisches Notizbuch, lassen Sie das Bild sprechen, indem Sie aufschreiben, was es zu Ihnen sagt. Es geht dabei nicht um die Beschreibung des Bildes, sondern darum, was das Bild in Ihnen auslöst. Lassen Sie Ihre Gedanken schweifen, aber doch nicht zu stark, so dass Sie sich beim Schreibe

Den vollständigen Beitrag lesen Sie in der Ausgabe 2/2005.

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