Ausgaben 2005

Hier finden Sie frühere TextArt-Ausgaben.

TextArt 03/2005

Leseprobe:

Keine Bange!
Angstmachen ist gar nicht so schwer

Zehn Lektionen im Horrorgeschichtenschreiben

Von Axel Klingenberg

Die etablierte Literaturkritik rümpft oft die Nase über Bücher aus dem Horror-Genre. Der gemeine Leser sieht das ganz anders: Die Bücher von Stephen King sind regelmäßig in den Bestsellerlisten zu finden, und viele seiner Werke wurden höchst erfolgreich auch verfilmt. Sein Erfolg beruht darauf, dass er den Leser in Atem hält und ihm den Schlaf raubt. Aber wie erreichen er und andere Horrorautoren das?

Lektion 1: Schreiben Sie realistisch!
Horror-Geschichten werden oft unter „Fantastischer Literatur" subsumiert, was auch durchaus richtig ist. Doch schaut man sich die Romane und Kurzgeschichten von Stephen King genauer an, fällt auf, dass sie vor allem durch ihren Realismus fesseln. Die meisten von ihnen spielen in der Gegenwart und haben ganz normale Menschen als Helden. Gerne lässt King etwa einen Englischlehrer als Protagonisten in Erscheinung treten – kein Wunder, war das doch sein Beruf, bevor er seinen Lebensunterhalt als Schriftsteller verdienen konnte. Schreiben Sie also über das, was Sie kennen!

Soll ich jetzt also einen Mord begehen, damit ich über einen Serienkiller schreiben kann? Das würde vielleicht doch etwas zu weit gehen, aber angeblich hat Edgar Allen Poe, einer der Väter der modernen „Gothic"-Literatur, genau dies getan, so lautet zumindest ein immer wieder kolportiertes Gerücht. Ein anderes Mords-Beispiel: Eines von Kings besten Büchern ist sicherlich „Es", in dessen Rahmenhandlung es um Verbrechen geht, wie sie tagtäglich in der Zeitung zu lesen sind. King, der übrigens schon seit vielen Jahren Wert darauf legt, als reiner Horror-Autor im eigentlichen Sinne zu gelten, bietet den Lesern für all dies eine übersinnliche Erklärung an. In anderen Büchern greift er zwar auch auf klassische Horror-Figuren (die Vampire in „Brennen muss Salem") oder mythische Gestalten (eine Inkarnation des Teufels in „In einer kleinen Stadt") zurück, doch spielen die Geschichten immer im Hier und Heute. Gerne erwähnt er auch gängige Markenartikel und zitiert aus Popsongs, bei denen er davon ausgehen kann, dass die meisten seiner Leser diese kennen. Jede Horrorgeschichte braucht einen Bezug zum tatsächlichen Leben, um glaubwürdig zu sein!

Lektion 2: Seien Sie konkret!
Genau: Nichts ist langweiliger als Autoren, die so unbestimmt schreiben, dass sie beim Leser kein Bild vor Augen entstehen lassen.

„Er liebte den mächtigen Strom im März, wenn das Wasser schäumend aus seinem unterirdischen Kanal hervorschoss und an ihm vorbeibrauste, Äste und allen möglichen Abfall mit sich führend. Mehr als einmal hatte er sich ausgemalt, wie er mit seinem Stiefvater im März am Kanal entlangging und dem Dreckskerl eine heftigen Stoß versetzte. Der Alte würde einen Schrei ausstoßen, verzweifelt mit den Armen rudern und in die schäumende Strömung fallen, und Eddie würde am Kanal stehen und zusehen, wie er sich vergeblich abmühte, den Kopf über Wasser zu halten, er würde dastehen und rufen: Das war für Dorsey, du verdammter Hurensohn! Wenn du in der Hölle anlangst, erzähl dort, dass ich gesagt habe, du solltest dir jemanden von deiner eigenen Größe vornehmen! Natürlich würde das in Wirklichkeit nie geschehen, aber es war ein herrlicher Wunschtraum. Ein toller W...
Eine Hand schloss sich plötzlich um Eddies Fuß.
Er hatte über den Kanal hinweg zur High School hinübergeschaut, vor sich hin geträumt und überlegt, ob er heute nacht hier schlafen sollte (unter dem Musikpavillon war der beste Platz, dort lag eine Menge welker Blätter herum, die eine weiche Lagerstatt boten) und der sanfte, aber doch feste Griff überraschte ihn so sehr, dass er fast das Gleichgewicht verloren hätte und in den Kanal gestürzt wäre.
Er blickte nach unten.
Sein Unterkiefer klappte herunter, und er machte sich vor Entsetzen in die Hose.
Es war Dorsey."

(King, Es, S. 185 f.)

Erst lässt King den Leser an den Sorgen des Protagonisten teilhaben, dann überrascht er ihn mit einem Angriff, der noch nicht zwangsläufig übernatürlicher Herkunft sein muss, erst dann bringt er das fantastische Element ins Spiel. Und immer hat der Leser dabei ein Bild vor Augen, als wäre er in einem Film!

Lektion 3: Erwecken Sie Sympathie! Bieten Sie eine Identifikationsfigur!
Können Sie nicht auch mit Eddie mitfühlen, der lieber im Park schlafen möchte als zu Hause, wo sein Stiefvater auf ihn wartet? Richtige Verlierer sind die Kinder in „Es", die unter ihren Eltern und Mitschülern und ihrer eigenen Unzulänglichkeit zu leiden haben. So erwecken sie bei dem Leser Mitleid und – daraus resultierend – Sympathie.
Machen Sie also Ihren Lesern deutlich, wie gut Ihre Helden, Ihre Protagonisten doch sind und wie niederträchtig deren Antagonisten. Aber verfallen Sie nicht in billige Schwarzweißmalerei. Der Hausmeister in Kings „Shining" beispielsweise ist nicht von Grund auf böse. Er ist nur so schwach, dass er dem Bösen verfällt.

Lektion 4: Seien Sie grausam!
Aber der Mörder ist nun mal der Böse, und der Leser will, dass er gestoppt wird und (aller Vernunft zum Trotz) stirbt – und dass die Guten überleben! Wie kommt das?
Das Monster tötet nicht nur, sondern vergreift sich dabei vor allem an Schwächeren, an Wehrlosen, an Kindern. Dies ist eine von Grund auf inakzeptable Handlung, die beim Leser Abscheu hervorruft.
Und besonders widerwärtig ist die Verbindung von Sexualität, Gewalt und Angst. Schon die klassischen Horror-Figuren besitzen sexuelle Konnotationen: Dracula saugt ausdrücklich nur Jungfrauen das Blut aus, Frankenstein gebiert ein Monster – der Augenblick der Geburt ist der, als dieses durch Elektrizität zum Leben erweckt wird. Und natürlich muss Feuer mit Feuer bekämpft werden: Die Kinder in „Es" besiegeln ihren Bund durch ihre ersten sexuellen Erfahrungen, können danach jedoch keine eigenen Kinder mehr in die Welt setzen – erst nachdem „es" besiegt ist, fällt dieser Fluch von ihnen ab.

Den vollständigen Beitrag lesen Sie in der Ausgabe 3/2005.

Mehr in dieser Kategorie: « TextArt 04/2005 TextArt 02/2005 »
Cron Job starten