Ausgaben 2005

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TextArt 04/2005

Leseprobe:

Illumination auf dem Sofa

Wie Sie kreative Phasen nutzen

Von Jörg Ehrnsberger

Nichts ahnend sitzt der Autor auf dem Sofa. Aus heiterem Himmel schlägt eine Idee in seinen Kopf ein wie ein Blitz. Der Autor springt auf und schreibt seinen nächsten Bestseller. So stellen sich viele Menschen die Arbeit eines Schriftstellers vor und wundern sich, wenn der ihnen dann erzählt, dass Schreiben anstrengend sein kann, dass es harte Arbeit ist. Aber warum?, fragen dann die Leute. Denn sie kennen doch aus eigener Erfahrung das erhebende Gefühl, eine gute Idee zu haben, die man dann irgendwann mal, vielleicht nächste Woche, ach nein, doch nicht, da kommt ja Tante Lotte, aber ganz bestimmt dann, mal irgendwie aufschreiben sollte. Das muss doch toll sein, einfach die besten Ideen, die man hat, aufzuschreiben und dafür auch noch bezahlt zu werden.

Der grundlegende Unterschied zwischen dieser romantischen Vorstellung und der Realität besteht zum einen darin, dass ein Autor wirklich versucht, die Idee aufzuschreiben , und dabei dann mitunter feststellen muss, dass die Idee zwar auf den ersten Blick wunderschön aussah, aber beim Bearbeiten ein Eigenleben entwickelt und immer sperriger wird. Und zum anderen: Ideen kommen leider doch nicht einfach vorbei, wenn man auf dem Sofa sitzt und darauf wartet. Aber es gibt durchaus Möglichkeiten, einen gewissen Einfluss auf das Finden von Ideen zu nehmen. Ein Blick auf die Forschungsergebnisse aus der Schreibprozessforschung kann hier helfen:

Schreiben in drei Phasen

Vielen wird noch aus dem Schulunterricht bekannt sein, dass der Lehrer verlangt hat: „Macht eine Vorschrift, fertigt eine Gliederung an, macht eine Stichwortliste, bevor ihr anfangt zu schreiben."

Man tat es, auch wenn einem nicht unbedingt klar war, welchen Sinn das hat.

Aber der Sinn dieser Form der Vorbereitung auf das Schreiben wird klar, wenn man einmal überlegt, wie das Verfassen von Texten abläuft. Das Erste, was einem einfällt, ist sicher der eigentliche Prozess des Schreibens, das Notieren von Worten. Aber was ist vorher? Und kommt nachher?

Ergebnisse aus der Schreibprozessforschung haben ergeben, dass sich das, was so allgemein als „Schreiben" bezeichnet wird in wenigstens drei voneinander abgrenzbare Phasen unterteilen lässt: die Planungsphase, die Schreibphase und die Phase der Überarbeitung.

Verschiedene Forscher kommen hier zu unterschiedlichen Begriffen, aber etwas verallgemeinert läuft es auf diese drei grundsätzlich voneinander unterscheidbaren Phasen hinaus. Und für Sachtexte wird das in der Regel auch niemand bezweifeln: Bevor man etwas aufschreibt, muss man sich erst mal klar machen, was man schreiben will. Dann schreibt man es auf. Später kann man es je nach Bedarf noch überarbeiten: ein paar Worte austauschen, ein paar Kommata ergänzen. Und das war es dann auch meistens schon.

Historische Grundlagen

Aber auch für andere Textsorten und nicht nur für Sachtexte gab es schon immer Vorstellungen von diesen verschiedenen Phasen der Textherstellung. Bereits in der Rhetorik der Griechen und Römer wird, hier zwar für das Anfertigen einer Rede, ein mehrschrittiges Modell vorgeschlagen. Dieses Modell besteht aus Inventio (Auffinden der Argumente), Dispositio (Anordnen der Argumente), Elocutio (Überführung der Argumente in einen Text), Memoria (Einüben der Rede) und Actio (Vortragen der Rede).

Die letzten beiden Schritte können für eine Textproduktion vernachlässigt werden, aber die ersten beiden Phasen konkretisieren, was die Phase des Planens des heutigen Modells meint. Beim Planen eines Textes geht es darum, Ideen zu finden und diese dann in eine schlüssige Abfolge zu bringen, so dass man einen Überblick hat über das, was man schreiben möchte. Einige Forscher sprechen in diesem Zusammenhang von einem Schreibplan. Spätestens an dieser Stelle wird aber der ein oder andere Schreibende einwenden: „So was gibt es bei mir aber nicht. Ich plane meine Texte nie. Die Ideen kommen, ich schreibe sie auf, der Text wächst beim Schreiben aus sich heraus. Und das wars."

Zum Teil haben sie Recht, denn jeder, der schon mal einen (literarischen) Text verfasst hat, weiß, dass es auch wirklich nicht so geht: Planen. Schreiben. Überarbeiten. Fertig. Das wäre auf der einen Seite zu schön und auf der anderen Seite aber wohl auch zu langweilig.

Diese Kontroverse lässt sich aber auflösen, wenn man, anstelle zu behaupten „Gibt es nicht!", formuliert „Sieht man nicht." Denn ein Problem der Schreibprozessforschung liegt darin, dass nicht alle Phasen des Schreibens gleichermaßen bewusst ablaufen. Und andererseits gibt es ja eben doch die Momente, wo eine Idee scheinbar aus dem Nichts auftaucht. Und in der literaturgeschichtlichen Phase des Sturm und Drangs, auch bekannt als „Geniezeit", herrschte diese Auffassung vor, dass Schreiben eine Gabe war, die nicht zu erlernen sei. Man hat es oder man hat es nicht und jede theoretische Überlegung zum Verfassen von Texten oder einer Theorie des Schreibens sei nur Zeitverschwendung. Diese Vorstellung findet sich noch heute in vielen Köpfen.

Das Unterbewusstsein nicht unterschätzen

Ein Problem des bereits vorgestellten Modells liegt sicher darin, dass nicht alle Phasen gleichermaßen beobachtbar sind. Besonders die Planungsphase kann zu Teilen im Unterbewusstsein ablaufen und ist somit schwer zu beobachten, und doch findet sie statt.

Ein weiteres Manko, das die oben angeführten Modelle in sich tragen ist, dass sie nicht erklären, wo neue Ideen herkommen, also wieso sich kreative, neue Ideen hervorbringende Prozesse ereignen oder eben auch nicht.

Klar ist aber, dass das Schreiben eines Textes in verschiedene Einzelhandlungen zerfällt. Und auch Skeptiker gegenüber jeder Theorie werden einräumen müssen, dass der Prozess des Schreibens in mehreren Stufen oder getrennten Prozessen abläuft. Diese Ansicht ist weder neu noch überraschend, denn ein jeder, der schon einmal versucht hat einen literarischen Text zu verfassen, wird bestätigen müssen, dass die Phase der Ideenfindung sich von der Phase der Ausarbeitung der Idee und der Phase der Textüberarbeitung durchaus unterscheidet. Wichtig festzuhalten bei dem Versuch einer solchen Einteilung ist natürlich, dass diese Phasen nicht immer und klar getrennt voneinander ablaufen, sondern sich überlappen oder abwechseln können, ohne dass dem Schreibenden dieser Ablauf vollkommen bewusst sein muss.

Einen weiteren Blickwinkel auf die Schreibprozesse bringt der Ansatz, Schreiben als Problemlösung zu betrachten: Ein Text soll entstehen, aber man weiß nicht genau, wie das Endergebnis aussehen soll.

Aus drei Phasen werden vier

Hier bietet sich das Vier-Phasen-Modell des Mathematikers Henri Poincaré an, der mit diesem Modell einen eine Beschreibung von Problemlösungsfällen versuchte. Poincaré unterteilt die vier Phasen einer Problemlösung in Präparation, Inkubation, Illumination und Verifikation. Und, zumindest für unsere Betrachtung, ist der Prozess des Schreibens auch eine Form von Problemlösung, die in mehrere Phasen zerfällt.

Was bereits vor einer näheren Untersuchung des Modells für dessen Verwendung spricht, ist, dass es sowohl von Theoretikern als auch Praktikern favorisiert wird.

Hans-Josef Ortheil, Autor und Leiter des Studienganges Kreatives Schreiben in Hildesheim, beschreibt in seinem Aufsatz „Wie fang' ich nach der Regel an? Überlegungen zum ‚Kreativen Schreiben'" die vier Phasen des kreativen Prozesses und übernimmt die von Poincaré getroffenen Einteilungen: Präparation, Inkubation, Illumination, Verifikation. Ortheil beschreibt die Phasen bei der Produktion eines Textes folgendermaßen:

„In der ersten Phase wird Material zur Lösung des Problems gesammelt, Informationen werden gespeichert, erste Perspektiven entwickelt. In der zweiten Phase, der Inkubation, verabschiedet der kontrollierende Verstand all diese Daten ins Unbewusste, wo es, sich regend, schlummert und weitere Varianten durchspielt. In der dritten Phase, der Illumination, tritt eine dieser Varianten, eine besonders überzeugende, starke und „einleuchtende" aus der Vielzahl der anderen hervor und überrascht uns mit dem Geschenk scheinbarer Inspiration. In der vierten Phase, der Verifikation, wird diese Variante überprüft, erweitert, leicht korrigiert und zu einem Gesamtlösungsplan ausgebaut."

Diese Beschreibung der vier Phasen illustriert, wie sich ein Prozess einer Problemlösung vollziehen kann. In aufeinander folgenden, aufeinander aufbauenden Phasen kommt es über Zwischenschritte von der Vorbereitung zur Lösung und deren Überprüfung.

Fritz Gesing beschreibt diese Phasen ganz ähnlich. In seinem praktischen und gut strukturierten Handbuch: „Kreativ Schreiben. Handwerk und Technik des Erzählens" spricht er von „vier kreativen Phasen", wobei er darauf hinweist, dass diese Phasen miteinander verwoben sind. Daher schlägt er vor, „weniger von Phasen als von Formen des kreativen Arbeitens" zu sprechen. Er zählt ebenfalls die Präparation auf, die „wie der Name sagt, den eigentlichen Schreibakt" vorbereitet.

Für die vierte Phase benutzt Gesing allerdings den Begriff Elaboration, was durchaus sinnvoll ist, weist sie auf die sich ergebenden Schwierigkeiten hin, will man Poincarés Modell, das er als Mathematiker entwickelt hat, ohne entsprechende Adaption auf die Verfertigung literarischer Texte anwenden. Die Elaboration unterscheidet sich von der Verifikation. Eine gefundene mathematische Formel kann verifiziert oder gegebenenfalls falsifiziert werden. Die Idee für einen literarischen Text hingegen kann nicht verifiziert werden, sie muss elaboriert, ausgearbeitet werden.

Der entscheidende Unterschied zu den oben angeführten Modellen liegt in der Phase der Inkubation, der Zeit des ‚Wartens', in der un- oder vorbewussten Aktivitäten das Gewicht einer eigenen Phase zuerkannt wird oder nicht. Denn in dieser Phase können neue Ideen entstehen, die allein durch schlussfolgerndes Denken nicht gefunden werden können.

Die Phasen nutzen

Um dieses Modell ein wenig verständlicher zu machen, soll hier ein kurzes, exemplarisches Beispiel gegeben werden, wie so ein Prozess beim Verfertigen eines literarischen Textes ablaufen könnte.

Den vollständigen Beitrag lesen Sie in der Ausgabe 4/2005.

 

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